»Tapfer« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 09.08.2020 gesendet.
Ich bin total harmoniebedürftig. Nur wenn ich mich mit allen gut vertrage, bin ich wirklich happy. Mit anderen zu streiten, stresst mich sehr.
Noch wichtiger sind mir aber meine Überzeugungen; also das, woran ich glaube und was ich für richtig halte.
Wenn um mich herum jetzt was passiert oder gesagt wird, das meinen Überzeugungen widerspricht, dann kann ich das nicht einfach so hinnehmen. Zum Beispiel wenn etwas ungerecht ist. Dann muss ich etwas dagegen tun.
Das Problem dabei ist: Wenn ich in solchen Situationen Stellung beziehe, kann ich damit rechnen, dass es zu Streit kommt. Und grade vor offenen Konflikten habe ich ja eigentlich Angst. Es wäre aber feige, deswegen meinen Mund zu halten, mich einfach weg zu ducken. Also muss ich tapfer sein.
Beim Wort „tapfer“ denkt man vielleicht erstmal an unverwundbare Kinohelden. Aber ich glaube, tapfer zu sein, bedeutet nicht, unverwundbar zu sein und keine Angst zu haben, sondern: etwas anzugehen, obwohl man Angst hat, z.B. vorm Streiten.
Wenn ich für meine Überzeugungen eintrete, dann kann es passieren, dass ich mich mit anderen fetzen muss. Es fällt mir schwer, das in Kauf zu nehmen. Aber tapfer zu sein, bedeutet eben genau das: Dass ich trotzdem bereit bin, mich für etwas Wichtiges einzusetzen.
Auf Facebook teilen
»Rache « von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 06.08.2020 gesendet.
Es gibt einen Satz von Jesus, der fordert mich echt heraus: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!“
Ich muss daran denken, wie mich letztens auf der Arbeit jemand am Telefon richtig zur Schnecke gemacht hat. Ich hatte gar nichts falsch gemacht, war professionell und freundlich. Trotzdem musste ich mir am Telefon einiges von diesem Mann anhören. Ich hab mich dabei ungerecht behandelt, richtig ohnmächtig gefühlt. Und so jemandem, soll ich keinen Widerstand leisten, sondern auch noch die andere Wange hinhalten? Sorry, aber ich bin doch kein Fußabtreter.
Dass man sich alles gefallen lassen muss, das hat Jesus mit diesem Satz glaube ich auch nicht gemeint. Sondern: Zurückschlagen und mich rächen hilft mir in so einer Situation nicht weiter.
Wenn ich am Telefon zurückkeife, dann eskaliert vermutlich nicht nur die Situation, sondern ich lasse mich auch auf das üble Spiel von diesem Menschen ein. Viel besser ist es, dem Rat von Jesus zu folgen, denn das heißt: den Angriff einfach ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel indem ich dem Typen sage, dass ich nicht bereit bin, mich in diesem Ton weiter zu unterhalten und dann einfach auflege. Ich leiste keinen Widerstand, sondern überlasse diesem Menschen seiner eigenen Wut. Die ist ab sofort nur noch sein, und auf keinen Fall mein Problem.
Auf Facebook teilen
»Bellac-Technik« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 05.08.2020 gesendet.
Ein junges Mädchen namens Agnes wartet aufgeregt auf ein Bewerbungsgespräch. Da bekommt sie den Tipp, dem Chef beim Gespräch einfach zu sagen, er sei schön. Das würde wahre Wunder wirken. Und es sei auch kein unehrliches Kompliment, weil: Wenn man jemandem sagt, dass er schön ist, macht ihn das schön. Agnes probiert das beim Bewerbungsgespräch gleich aus; sie sagt dem Chef, er sei schön. Und der ist total perplex. Denn eigentlich hält ihn jeder für einen fiesen Typen. Aber ab dem Moment, wo er von Agnes hört, er sei schön, fängt er an sich zu verändern. Er wird richtig liebenswürdig und ist zu allen nett und freundlich.
Diese Geschichte erzählt das Theaterstück „Der Apoll von Bellac“. Wenn man jemandem sagt, dass er schön ist, macht ihn das schön. Aus diesem Kerngedanken hat sich sogar eine Methode in der Psychotherapie entwickelt, die sogenannte Bellac-Technik.
Was mir dadurch klar geworden ist: Anstatt auf negative Menschen negativ zu reagieren und sie so vielleicht weiter in ihre fiesen Rollen zu drängen, warum nicht einfach mal probieren, nett und freundlich zu ihnen zu sein? Einen echten Fiesling so zu behandeln als sei er eigentlich ein guter Mensch, bringt seine guten Seiten vielleicht erst hervor. Wenn ich selbst meine Haltung gegenüber anderen Menschen verändere, kann ich sie dadurch dazu bringen, sich auch zu verändern. Ich hab mir fest vorgenommen, diese Bellac-Technik mal auszuprobieren.
Auf Facebook teilen
»Utopie-Syndrom« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.08.2020 gesendet.
In meinem Beruf schreibe ich viel. Das sind ganz unterschiedliche Texte: Arbeitsblätter für den Reli-Unterricht, Texte für Websiten, Ansprachen im Gottesdienst – und natürlich schreibe ich auch fürs Radio.
Obwohl das Schreiben mir viel Spaß macht, ist es auch ganz schön anstrengend. Oft habe ich dabei nämlich die Idee von einem perfekten Text vor Augen. Das führt dazu, dass ich die Sätze immer und immer wieder umstelle, an Formulierungen rumpfeile und dann doch wieder von vorne anfange. Weil ich mit dem Ergebnis nie zufrieden bin, werde ich auch nicht mit dem Schreiben fertig. Das ist frustrierend.
Den perfekten Text zu schreiben ist eigentlich unmöglich. Wie ein unerreichbares Ideal, eine Utopie.
Tatsächlich wird das, was ich beim Schreiben erlebe, in der Psychologie das Utopie-Syndrom genannt: Man setzt sich ein utopisches, also eigentlich unerreichbares Ziel und verhindert dadurch, dass man überhaupt vorankommt. Indem ich versuche, den perfekten Text zu schreiben, schreibe ich überhaupt keinen, vor allem nicht den, den ich schreiben könnte.
Natürlich ist es gut, sich hohe Ziele zu setzen. Visionen sind wichtig. Aber ich glaube, es kommt dabei auf das Maß an. Anstatt der Utopie von einem perfekten Text nachzujagen, den es nie geben wird, will ich zukünftig versuchen, das zu erreichen, was realistisch ist und was ich wirklich leisten kann.
Auf Facebook teilen
»Keine Macht den Dingen« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 03.08.2020 gesendet.
Meine Kollegin und ich stehen in der Büroküche und warten ungeduldig auf den ersten Morgenkaffee. Doch der super moderne Kaffeevollautomat rückt keinen raus. Das ist irgendwie immer so. Erstmal Wasser oder Bohnen nachfüllen oder Tresterbehälter leeren. Dann erst kommt der Kaffee. Dieser hochmoderne Kaffeevollautomat mit seinen ständigen Wünschen – es ist ein bisschen so, als würde er uns beherrschen. Dabei sollte es doch eigentlich umgekehrt sein.
Das seltsame Gefühl, von Technikgeräten beherrscht zu werden, habe ich öfter. Am schlimmsten ist es mit meinem Handy. Das hat mit seinen vielen Whatsappnachrichten so viel Macht über mich, dass ich mich manchmal überhaupt nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren kann.
Ich habe mal irgendwo einen Satz gelesen, der diese Erfahrung, finde ich, gut zusammenfasst: Alle Dinge, die du hast, haben irgendwann dich. Ob Kaffeevollautomat oder Handy – aus eigentlich nützlichem Technikzeugs können richtige Zeitfresser werden.
Aber ob das passiert, das liegt zum Glück immer noch in meiner Hand. Mein Handy lege ich jetzt z.B. immer in einen anderen Raum, bevor ich mit dem Arbeiten anfange. Und auch wenn im Büro immer noch der tyrannische Kaffeevollautomat steht, zu Hause trinke ich Filterkaffee. Ob Dinge über mich Macht haben und wieviel, das entscheide immer noch ich.
Auf Facebook teilen
»Mein Beruf« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 25.07.2020 gesendet.
Was ist eigentlich dein Beruf? Über diese Frage bin ich letztens gestolpert.
Es ging um ein Zitat von Marc Aurel, einem römischen Kaiser vor fast 2000 Jahren. Marc Aurel schreibt: „Dein Beruf ist es, ein guter Mensch zu sein.“
Beruflich ein guter Mensch sein…Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht.
Bei Beruf denke ich ja eigentlich zuerst an meine Arbeit, also das, womit ich mein Geld verdiene. Ich arbeite als Theologin für die Kirche, das ist mein Beruf. Und Marc Aurel war von Beruf römischer Kaiser. Wenn man beruflich ein guter Mensch sein soll, habe ich dann zwei Berufe? Und wie verhalten die sich zueinander? Dass ich von 9 bis 17 Uhr Theologin bin und danach mit meinem Zweitjob anfange, ein guter Mensch zu sein – das kann ich mir irgendwie schwer vorstellen.
Ich glaube, so hat das Marc Aurel auch nicht gemeint, sondern:
Mein eigentlicher und wichtigster Beruf ist es, immer und überall ein guter Mensch zu sein. Also z.B. nicht nur an mich zu denken, sondern anderen zu helfen. Verständnis zu zeigen, geduldig zu sein und mich einzubringen, mit dem, was ich kann. Mein Gut-sein ist dabei nicht an Arbeitszeiten gebunden. Wenn ich als Theologin für die Kirche arbeite, wenn ich mit meiner Familie und meinen Freunden zusammen bin, sogar wenn ich in den Urlaub fahre – als guter Mensch bin ich immer im Dienst. Gut zu sein, egal, was ich tue – das ist mein Beruf.
Auf Facebook teilen
»Ansteckungsgefahr« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 24.07.2020 gesendet.
Mein Herz rast und ich kämpfe mit den Tränen. Ich könnte schreien! Erstmal tief durchatmen. Doch das fällt mir grade ganz schön schwer. Ich bin so wütend, dass ich fast platze.
Ich bin in der Stadt und habe aus Versehen so blöd geparkt, dass ein Anwohner nicht richtig aus seiner Garage gekommen ist. Ich stelle das natürlich erst fest, als ich 10 Minuten später zurück bei meinem Auto bin und der Anwohner da schon wütend auf mich wartet. Ich entschuldige mich sofort, war ja mein Fehler. Aber das Entschuldigungs-Rezept wirkt offenbar nicht; der Mann flippt richtig aus. Brüllt mich an, was ich mir erlauben würde, er müsse zur Arbeit, eine Unverschämtheit, da könne ich mich auf was gefasst machen usw.
Egal wie sehr ich die Dosis erhöhe, der Mann ist richtig immun gegen meine Entschuldigungen. Und nicht nur das, er steckt mich mit seiner Wut sogar richtig an.
Anschließend bin ich sauer auf uns beide. Für die Zukunft nehme ich mir vor, solche Ansteckungsgefahren zu meiden und wenn es nicht anders geht, zumindest schnell für Sicherheitsabstand zu sorgen. Denn eines will ich ganz sicher nicht: Die Wut von solchen Leuten selbst kriegen und dann auch noch weiterverbreiten.
Auf Facebook teilen
»Keine Onlinebestellung« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 23.07.2020 gesendet.
Ich glaube an Gott. Nicht an einen Gott, der weit über mir auf einer weißen Wolke schwebt und sich das Treiben auf der Erde aus sicherer Distanz anguckt. Sondern ich glaube an einen Gott, der ansprechbar ist und mit meinem Leben und dieser Welt wirklich etwas zu tun hat. Gott kennt mich und er hört mir zu. Deshalb bete ich zu ihm.
Aber was bringt beten überhaupt?
Auf den ersten Blick nicht viel. Zum Beispiel wenn ich Gott um etwas bitte, etwa um Erfolg beim Bewerbungsgespräch. Und das läuft dann nicht so gut. Manchmal kommt es mir dann so vor, als hätte Gott mir nicht zugehört.
Dabei fällt mir auf: Ich bete oft so, als würde ich eine Onlinebestellung aufgeben. Und wenn Gott sich dann nicht an die Lieferzeit hält oder sogar noch das Falsche liefert, bin ich enttäuscht.
Aber ein Gebet ist keine Bestellung, die ich in den Himmel schicke und Gott ist kein Versandhändler, den ich mit meinen Gebeten irgendwie dazu bringen kann, mir meine Wünsche zu erfüllen. Vielleicht geht es beim Beten nicht darum, dass ich Gott verändere, sondern mein Beten verändert mich: Ich lerne mich selbst und meine Wünsche besser kennen. Und dadurch dann auch Gott.
Auf Facebook teilen
»Ernstfall« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 22.07.2020 gesendet.
Als Christin ist mir mein Glaube total wichtig, denn er verbindet mich mit Gott und meinen Mitmenschen. Darum geht’s nämlich im Christentum: Gott und die Menschen zu lieben. Und dazu gehört für mich auch in den Gottesdienst zu gehen.
Wenn ich aber sonntags in die Kirche gehe, dann wundere ich mich ehrlich gesagt schon ein bisschen. Lahme Predigt, lahme Musik. Die Leute singen schief und nach dem Gottesdienst wird draußen auf dem Kirchplatz auch noch übereinander gelästert. Irgendwie schäbig. Und ich frage mich, ob die Kirche für mich und meinen Glauben eigentlich der richtige Ort ist.
Plötzlich fällt mir auf, in welche Falle ich grade getappt bin: Ich bin mir mit meinem Glauben zu fein für die Menschen um mich herum. Für mein ideales Christentum ist mir die konkrete Kirche vor Ort manchmal einfach zu real.
Aber so wie sich die Liebe nicht in den Flitterwochen, sondern im Alltag beweisen muss, so ist es auch mit meinem christlichen Glauben. Die Kirche in meinem Ort mit all den Menschen ist sozusagen der Ernstfall meines Christseins.
Das Schöne ist, dass ich mich sonntags in der Kirche eigentlich einfach nur mal kurz umschauen muss: Dann kann ich Menschen sehen, die aus demselben Grund da sind wie ich: Um Gott und die Menschen zu lieben. Und für die der Gottesdienst da auch dazugehört. Das versöhnt mich mit ihrem schiefen Gesang – ich kann ihn mittlerweile sogar schon fast genießen.
Auf Facebook teilen
»Absicht unbekannt« von Anna-Marleen   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 11.07.2020 gesendet.
Den Film „Sieben“ hab ich bestimmt zwanzig Mal gesehen. Der spannende und ziemlich gruselige Psychothriller mit Morgan Freeman und Brad Pitt heißt so, weil es dort u.a. um die sieben Todsünden geht. Also sowas wie Habgier, Zorn, Maßlosigkeit und Neid.
Was mit dem Begriff der „Todsünde“ eigentlich gemeint ist, wird in dem Film nicht so genau erklärt, ist aber fast genauso spannend.
Todsünde meint nämlich erstmal überhaupt keine schlechte oder verbotene Sache, die man tun kann. Interessanterweise bezieht sich das Wort Todsünde auf die innere Haltung eines Menschen, also die Gedanken und Gefühle, die hinter seinen Handlungen stecken: Die Absicht, mit der er etwas tut. In diesem Sinne ist z.B. Mord erstmal keine Todsünde. Wenn ich aber jemanden umbringe, weil ich sein Geld haben will. Das wäre eine.
Als ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, ist mir aufgefallen: Mit welchem Motiv jemand etwas tut, ist für mich von außen ja gar nicht sichtbar. Ich sollte also ganz schön vorsichtig damit sein, andere Menschen und das, was sie tun, zu verurteilen. Denn ich weiß ja nicht, warum sie das getan haben. Was ich aber um so mehr tun kann ist, den Blick auf mich selbst zu richten und mich und meine Motive zu überprüfen. Anstatt mir Vorurteile über Andere zu erlauben, also lieber mal vor meiner eigenen Haustür kehren. Denn nur von mir selbst weiß ich, welche Absichten ich tatsächlich habe.
Auf Facebook teilen