»Gelingendes Leben« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.10.2019 gesendet.
Wenn ich an die Beziehung mit meinem Freund denke, dann wünsch ich mir, dass sie ewig hält. Ich stelle mir dann vor, dass wir irgendwann heiraten und eine Familie gründen. Und dass wir auch in schweren Zeiten zueinanderhalten. Das ist das Ideal, das ich für mich im Kopf habe. Aus kirchlicher Sicht ist das ähnlich: Die Ehe ist unauflöslich. Bei wem sie nicht hält, der scheitert. Wieder heiraten ist keine Option. Eigentlich ist das doch seltsam. Auch wenn ich mir wünsche, dass ich ein Leben lang mit meinem Freund zusammenbleibe – ich kann mir vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen das einfach nicht mehr möglich ist. Ich denke zwar, dass es wichtig ist, dass wir an unserer Beziehung arbeiten und nicht gleich aufgeben, wenn es schwierig wird. Aber wenn sich Menschen wirklich um etwas bemüht haben und es trotzdem nicht funktioniert, dann verstehe ich nicht, warum sie sich nicht trennen dürfen. Für mich hat das dann auch nichts mit Scheitern zu tun. Im Gegenteil: Ich glaube, dass es Situationen gibt, in denen es sinnvoll und verantwortungsvoll ist, dass sich Menschen trennen, weil sie gemeinsam nicht mehr glücklich sein können. Zum Beispiel weil sie sich auseinander gelebt haben und nur noch streiten. Wenn sie es schaffen, ihre Beziehung oder auch ihre Ehe verantwortungsvoll zu beenden und eine neue zu beginnen, dann ist das kein Scheitern. Sondern vielleicht gerade ein Zeichen dafür, dass Leben gelingt. Und ich denke genau das ist es auch, was Gott für mich will: Dass mein Leben gelingt.
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»Gerechter Raum« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 06.10.2019 gesendet.
Vor einiger Zeit hab ich eine Frau im Rollstuhl einen Tag lang begleitet. Ich bin eingesprungen für eine Bekannte, die das sonst immer macht. Ich weiß noch gut, wie ich ihr geholfen habe, in der Stadt Besorgungen zu machen. Ich habe meine Stadt auf einmal aus einer ganz anderen Perspektive gesehen. Die engen Gassen, das Kopfsteinpflaster, die hügelige Altstadt: alles, was mir sonst so gut gefällt, war an dem Tag ein wirkliches Hindernis. Die Frau im Rollstuhl kann gar nicht in die Stadt, ohne dass ihr jemand hilft. Zum Supermarkt, der nur über Treppen erreichbar ist, kommt sie gar nicht. Oder auf den Weg, auf dem ich gerne am Fluss spaziere; der ist viel zu schmal und holprig für ihren Rollstuhl. Der Stadtraum ist so strukturiert und gebaut, dass er Menschen wie sie ausschließt. Mich macht das nachdenklich. Ich finde, der öffentliche Raum sollte so gestaltet sein, dass er allen Menschen dient und dass sie ihn auf ihre Weise nutzen können. Ich frage mich: was bedeutet mir die schöne Altstadt, wenn ich weiß, dass sie für viele Menschen gar nicht nutzbar ist? Ich finde es wichtig, dass auch solche Perspektiven eine Rolle spielen, wenn es darum geht, wie wir leben wollen. Das kann heißen, dass die Stadt Wege begradigt, nicht nur an den unbedingt notwendigen Stellen, sondern zum Beispiel auch am Fluss entlang. Oder dass Bodenmarkierungen angebracht werden, die sehbehinderten Menschen den Alltag erleichtern und ermöglichen, dass sie genauso teilhaben wie alle anderen. Dafür kann ich mich auch einsetzen, bei Kommunalwahlen zum Beispiel; wenn es darum geht, wie die Stadt gestaltet wird. Damit der öffentliche Raum ein gerechterer Raum ist.
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»Leere Regale« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.10.2019 gesendet.
Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe und dann auf dem Weg nach Hause noch kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt renne, bin ich manchmal ganz schön ernüchtert. Die Gemüseauslagen sind wie leergefegt und es liegen nur noch ein paar schrumpelige Paprika in der Ecke. Ich kann zwar schon noch etwas finden, das ich kaufen kann, aber jedenfalls nicht das, was auf meinem Einkaufszettel steht – ätzend! Wenn ich einkaufen gehe, erwarte ich prall gefüllte Regale, egal ob ich morgens um 8 oder kurz vor Ladenschluss komme. Zumindest zeigt mir das meine Enttäuschung darüber, dass kaum noch etwas da ist. Cool ist diese Erwartung aber eigentlich nicht. Denn gleichzeitig bin ich natürlich dagegen, dass Lebensmittel, die abends noch übrig sind, weggeschmissen werden. Nur beides gleichzeitig: volle Regale kurz vor Ladenschluss und keine Lebensmittel im Müll – das geht nicht. Ich kann jetzt entweder zu anderen Zeiten einkaufen oder mich damit abfinden, dass eben nicht alles immer verfügbar ist. Ich gehe einfach mal ohne Einkaufszettel los und improvisiere mit dem, was da ist. Vielleicht kann ich dann sogar noch die schrumpelige Paprika vor der Mülltonne retten.
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»Nachbarschafts-App« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 20.09.2019 gesendet.
In letzter Zeit lese ich immer wieder von Nachbarschafts-Apps. Das sind Apps, mit denen ich leichter Menschen in meiner Nachbarschaft kennenlernen kann, damit wir uns gegenseitig unterstützen. Eigentlich eine coole Idee. Ich hab selbst schon erlebt, wie es ist, in einem Haus zu wohnen, in dem jeder anonym ist und keiner den anderen kennt. Da fühle ich mich nicht besonders wohl.
Ich versuche trotzdem, auch ohne App auf meine Nachbarn zuzugehen. Wenn mir jemand im Haus oder auf der Straße begegnet, dann grüße ich ihn. Oder ich biete an, dass ich die Einkaufstaschen mit hochtrage. Ich finde, das ist gleich eine ganz andere Atmosphäre, als wenn jeder still aneinander vorbei geht.
Und es hat auch noch andere Vorteile. Letztens zum Beispiel hab ich für viele Leute gekocht und dann ist plötzlich mein Mixer kaputt gegangen. Ich bin dann einfach ein paar Häuser weiter zu dem älteren Ehepaar gelaufen, mit dem ich mich manchmal kurz unterhalte. Die beiden waren total begeistert, dass sie mir helfen konnten. Und sie haben mich sogar eingeladen, mal auf ein Glas Wein vorbeizukommen. Für mich macht es mein Leben in meiner Straße lebenswerter, wenn ich die Menschen grüße und wir füreinander da sind. Aber natürlich gibt es auch Nachbarschaften, in denen das nicht so gut funktioniert. Und dafür finde ich so eine Nachbarschafts-App dann wieder richtig gut.
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»Abschied und Neubeginn« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 18.09.2019 gesendet.
In zwei Monaten ziehe ich mit meinem Freund nach Österreich. Wir wollen dort für ein Jahr leben und arbeiten. Unsere WG-Zimmer haben wir schon gekündigt und die ersten Dinge in Kisten verstaut. Es ist ein ganz schön seltsames Gefühl, dass wir gehen und so viel zurückzulassen. Es läuft nämlich gerade alles richtig gut. Wir fühlen uns super wohl in unserer WG, unsere Arbeit ist nie spannender gewesen und unser Freundeskreis ist einfach großartig. Wenn wir zurückkommen, wird nichts mehr sein, wie es war. Wir werden nicht wieder in unserer alten WG wohnen und meine besten Freundinnen werden dann weg sein, im Ausland oder zumindest in einer anderen Stadt. Ich frage mich manchmal: Bin ich verrückt, dass ich jetzt gehe? Wenn gerade alles läuft?
Ich glaube aber, dass es trotzdem die richtige Entscheidung ist. Veränderungen gehören zum Leben dazu und ich kann nichts auf Dauer festhalten. Wenn ich nach Österreich gehe, werden sich neue Türen öffnen. Wir werden neue Freunde finden und gleichzeitig brechen wir ja nicht alle Brücken hinter uns ab. Die schönen Erinnerungen nehme ich mit und die wirklich guten Freunde, die ich hier habe, bleiben mir auch in der Ferne erhalten.
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»Kreativer Widerstand« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 05.08.2019 gesendet.
Wenn ich mit meinen Freunden über die katholische Kirche rede, sind meistens alle einer Meinung: Es läuft richtig viel falsch und es muss sich einiges ändern. Ich hab es wirklich satt, immer nur die Probleme zu analysieren und darauf zu warten, dass sich etwas ändert. Ich glaube nicht daran, dass das passiert. Vor kurzem haben katholische Frauen, die das genauso sehen, die Aktion Maria 2.0 ins Leben gerufen. Sie haben kreativ Widerstand geleistet und so viel Aufmerksamkeit gewonnen. Sie haben zum Beispiel keine Kirche mehr betreten und stattdessen vor den Kirchen Gottesdienst gefeiert, als Zeichen dafür, dass Frauen in der Kirche von den wichtigen Positionen ausgeschlossen sind. Ich finde die Aktion richtig gut. Die Frauen haben nichts getan, was verboten wäre, sondern sind innerhalb des Systems aktiv und kreativ geworden. Und sie haben sich auch selbst davon befreit, dass sie immer nur passiv zusehen müssen. Ich hoffe, dass dieser kreative Widerstand in der Kirche weitergeht, damit der Druck irgendwann so groß ist, dass sich etwas verändert. Und ich glaube, dass kreativer Widerstand auch in anderen Bereichen funktionieren kann, in denen ich selbst nichts zu entscheiden habe, aber mit der Situation nicht leben will. Ich schließe mich mit anderen zusammen und wir überlegen gemeinsam, wie wir unserer Meinung Ausdruck verleihen können. Dann kann uns keiner mehr ignorieren.
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»Verwandtschaftstreffen« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 29.06.2019 gesendet.
Vor kurzem bin ich bei der Familie meines Freundes zu Besuch gewesen. An einem Tag hat sich die ganze Verwandtschaft getroffen. Die Großeltern, Tanten und Onkel und 16 Enkel – und alles ganz unterschiedliche Menschen. Manche zum Beispiel super katholisch und andere, die mit der Kirche überhaupt nichts anfangen können. Einige sind politisch konservativ und ein paar sehr links eingestellt. Zwei Veganer, ein Vegetarier und so mancher überzeugte Fleischesser. Für mich ist es spannend gewesen, dabei zu sein und zu sehen, wie alle miteinander leben. Ich hab mich bei mancher Auseinandersetzung gefragt, ob diese Menschen sich auch treffen würden, wenn sie nicht miteinander verwandt wären. Ob sie befreundet wären. Und ob sie sich überhaupt mögen würden. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Wenn ich mir meinen Freundeskreis anschaue, dann sehe ich, dass wir ähnliche politische und sogar religiöse Überzeugungen teilen. Weil wir einander genau deswegen kennengelernt haben und mögen. Aber genau das, dass es bei der Verwandtschaft eben anders ist, finde ich so stark: Dass jeder und jede mal herauskommt aus der eigenen Blase und sich anfragen lässt von der Meinung der anderen. Dass Menschen, die ganz verschiedene Überzeugungen haben, trotzdem einen Weg finden, miteinander gut zu leben.
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»Krankheit« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 26.06.2019 gesendet.
Mit Gliederschmerzen hat es angefangen. Dann Erschöpfung, Kopfschmerzen und zack habe ich mit Fieber im Bett gelegen. So ist es mir letzte Woche ergangen und das, obwohl ich schon ewig nicht mehr richtig krank gewesen bin - höchstens Mal eine Erkältung. Ich hab gedacht: Vom Timing her hätte es echt nicht schlechter laufen können. In der Woche hat richtig viel angestanden. Termine, zu denen ich musste und Freunde, mit denen ich mich treffen wollte. Bei der Arbeit und im Freundeskreis läuft alles weiter und ich lieg im Bett, na klasse. Am ersten Tag hab ich mich da wirklich geärgert.
Aber schon am zweiten Tag hab ich gemerkt: Obwohl ich Kopfschmerzen und Fieber habe… es tut gut, dass ich mal aus allem raus bin! Mein Körper zwingt mich, mir eine Auszeit zu nehmen. Ich selbst hätte mir die nicht gegönnt. Aber so hab ich mal wieder Zeit gehabt, meine Gedanken zu ordnen. Andere Dinge in den Blick zu nehmen als nur den nächsten Termin am Nachmittag. Ich hab zum Beispiel an mein Auslandsjahr gedacht, das in ein paar Monaten ansteht. Und in einem Buch gelesen, zu dem ich sonst nie komme. Als ich wieder gesund gewesen bin, hab ich gespürt: Ich bin nicht nur nicht mehr krank, sondern richtig erholt und hab neue Energie. Ich denk, dass ich da was lernen muss. Ich muss ja nicht erst krank werden. Aber wenn ich merke, dass mir meine Aufgaben zu viel werden, ist eben erst mal eine Pause vom Alltag dran.
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»Cooler Sexismus« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 24.06.2019 gesendet.
Letztens sind zwei Jungs in meinem Bus gefahren und haben sich ein Deutschrap-Video angesehen. Ich hab keine Ahnung, wie der Rapper heißt oder was das für ein Song war, aber es ist mir in Erinnerung geblieben. Der Interpret sagt in seinem Rap, dass alle Frauen um ihn herum Nutten sind und er mit ihnen machen kann, was er will. Und im Video sieht man dabei Frauen in Unterwäsche, die ihren Hintern in die Kamera halten. Der Rapper protzt zwischendurch mit einem Sportwagen und einer Waffe. Die Jungs fanden es klasse; und ich hab mich echt aufgeregt. Ich finde es nicht richtig, dass sexistische Aussagen in einen Song verpackt und dann plötzlich als cool verkauft werden.
Ich kenne diese Situation auch von Partys: Da tanze ich mit meinen Freunden zu Songs und merke plötzlich: Was da gesungen wird, geht so gar nicht. Ich will keinen Spaß haben bei Liedern, die Frauen als „Nutten“ beschimpfen und zum Objekt machen. Sexismus ist nicht cool; egal welchen Beat man darunter legt.
Und Rap geht ja auch anders: Es gibt genug Rapper, die ohne diskriminierende und sexistische Sprache auskommen. Ich will zu Songs tanzen, die statt auf Sexismus auf Menschlichkeit setzen.
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»Diskussionskultur« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.05.2019 gesendet.
Vor kurzem hab ich eine ziemlich hitzige Diskussion mit einem Freund gehabt. Es ist um das Thema Feminismus gegangen und wir sind dabei völlig verschiedener Ansicht gewesen.
Ich hab gemerkt: Das Thema ist uns beiden persönlich wichtig gewesen und deshalb ist es ganz schön emotional geworden. Keiner von uns beiden ist bereit gewesen, seine Position aufzugeben. Wir haben uns auch am Ende nicht einigen können, sondern sind bei unseren Meinungen geblieben.
Trotzdem kann ich sagen, dass es eine richtig gute Diskussion gewesen ist. Und das liegt vor allem daran, wie wir sie geführt haben. Obwohl wir anderer Meinung gewesen sind, haben wir einander zugehört und uns ausreden lassen. Keiner ist dem anderen ins Wort gefallen. Wir haben versucht, uns in den anderen hinein zu versetzten und seine Position nachzuvollziehen. Und obwohl es emotional geworden ist, haben wir uns keine Vorwürfe oder Beschimpfungen an den Kopf geworfen, sondern versucht, sachlich zu bleiben.
Ich denke heute zwar immer noch, dass ich richtig liege und mein Freund mit seiner Meinung daneben, und vermutlich geht ihm das genauso. Aber weil die Diskussion so gut verlaufen ist, können wir uns trotzdem noch in die Augen schauen und Freunde sein.
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