»Lebensmittel« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.04.2019 gesendet.
Ich hab vor ein paar Wochen ein Praktikum gemacht und dabei bei einer Lebensmittelausgabe geholfen. Da können Bedürftige hinkommen, die nicht genug Geld haben, um sich und ihre Familie zu ernähren. Es sind richtig viele Menschen dort gewesen. Familien mit Kindern, aber auch Senioren, deren Rente einfach nicht reicht, um über den ganzen Monat zu kommen. Und auch Leute in meinem Alter, die aus irgendeinem Grund in Situationen geraten sind, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Sie alle sind dankbar für die Lebensmittel, die wir ihnen gegeben haben. Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, diese Menschen zu treffen. Wenn ich Lebensmittel einkaufe, muss ich mir selten Gedanken machen, wieviel ich ausgeben darf, um auch die nächsten Wochen auszukommen. Es reicht einfach. Manchmal kaufe ich sogar zu viel und muss etwas wegschmeißen, weil es schlecht wird, bevor ich es essen kann. Ich finde es traurig, dass in Deutschland so viele Menschen nicht genug zu Essen haben, während ich sozusagen im Überfluss lebe. Und ich will Verantwortung übernehmen. Ich will Lebensmittel eben nicht gedankenlos als selbstverständlich hinnehmen, zu viele kaufen und sie am Ende wegschmeißen. Sondern dankbar sein, dass ich immer genug zu essen habe. Denn die Menschen bei der Ausgabe haben mir gezeigt, wie kostbar Lebensmittel sind.
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»Gütergemeinschaft« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 05.04.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich zu Besuch in einem Kloster gewesen. Eine der Schwestern hat mich eingeladen und mir gezeigt, wie sie dort leben.
Als sie vor vielen Jahren dort eingetreten ist, hat sie ein Gelübde abgelegt. Sie hat versprochen, dass sie gehorsam lebt und auf einen Mann verzichtet. Und dass sie keinen persönlichen Besitz hat. Das heißt: alles, was sie vorher besessen hat, hat sie der Klostergemeinschaft geschenkt. Ich finde das ganz schön beeindruckend. Wenn ich mir vorstelle, dass alles, was ich besitze, plötzlich nicht mehr mir gehört, dann macht mir das Angst. Ich hänge ja an meinen Sachen; sie sind mir wichtig. Meine Bücher zum Beispiel oder all die Möbel, mit denen ich mein Zimmer einrichte. Die Schwester hat mir erzählt, dass sie es mit ihrem Besitz machen wie die ersten Christen und das das richtig gut funktioniert. Von denen steht in der Bibel: All die vielen Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand von ihnen betrachtete etwas von seinem Besitz als persönliches Eigentum; alles, was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Und: Es gab unter ihnen niemand, der Not leiden musste.
Ich glaube zwar nicht, dass das als Lebensentwurf für eine ganze Gesellschaft funktioniert, also im Sinne einer kommunistischen Gesellschaft. Aber ich finde, das Leben der Schwestern zeigt, dass es möglich ist, so zu leben. In einer kleinen Gemeinschaft, in der alle freiwillig dieses Leben gewählt haben. Weil sie überzeugt sind, dass sie durch ihre Besitzlosigkeit nichts verlieren. Sondern dass das Teilen ihr Leben letztlich sogar reicher macht.
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»Schubladen« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.04.2019 gesendet.
Letzte Woche habe ich eine Ausstellung besucht. Sie heißt „Schubladen“. Ausgestellt sind da aber keine Schubladen, sondern Portraits von ganz verschiedenen Menschen. Als Besucher geht man mit einem Formular durch die Ausstellung und kann für jeden fotografierten Menschen zwischen vier Zuordnungen – oder eben gedanklichen „Schubladen“ – wählen, die unter dem Bild stehen. Zum Beispiel hätte unter dem Bild von einem Mann, stehen können: a) Professor für Geschichte b) Schreiner c) Künstler oder d) arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Natürlich ist nur jeweils eine Zuordnung richtig.
Ich bin mit einem der Formulare durch die Ausstellung gegangen und hab gedacht: Naja, mit ein bisschen Menschenkenntnis bekomme ich das schon hin. Aber da habe ich mich wirklich getäuscht. Ich hab da zwar völlig verschiedene Zuordnungen gelesen, wie dass eine Frau entweder Top-Anwältin ist oder eine psychische Beeinträchtigung hat. Aber als ich in die Gesichter geschaut habe, hab ich gedacht: Es könnte alles sein. Und auch dort, wo ich mir vermeintlich sicher gewesen bin, habe ich meistens komplett daneben gelegen.
Diesen Gedanken der Ausstellung – zu zeigen, dass ich mit meinen Einschätzungen von Menschen häufig falsch liege – finde ich auch für meinen Alltag wichtig. Wahrscheinlich ist es normal, dass ich in Schubladen denke. Das ist menschlich und ohne Schubladen wäre ich überhaupt nicht in der Lage irgendetwas einzuordnen. Aber ich muss mir immer bewusst sein, dass ich wohlmöglich falsch liege und die Schubladen offenhalten.
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»Für den Frieden« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 02.04.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich bei einem Gottesdienst gewesen, bei dem sich christliche und muslimische Frauen in einer Moschee getroffen haben. Wir haben gemeinsam für den Frieden gebetet. Dabei haben die Frauen von etwas erzählt, das mir bis dahin gar nicht wirklich bewusst gewesen ist. Dass in den Kriegen dieser Welt Frauen systematisch vergewaltigt werden – als Kriegswaffe. Die Männer, die sie vergewaltigen, zerstören das Leben dieser Frauen und Mädchen. Die Frauen haben hinterher massive Probleme in ihren sozialen Beziehungen und Familien.
Und genau das wollen die Anführer erreichen. Dass Familien zerbrechen und die Menschen in einer Gesellschaft nicht mehr zusammenhalten; vor allem in Ländern, in denen die Leute eine Frau, die vergewaltigt wurde, auch noch ächten. Das ist so perfide und grausam, dass ich es mir kaum vorstellen kann, aber es passiert.
Als christliche und muslimische Frauen haben wir bei dem Friedensgebet gemeinsam ein Zeichen gesetzt gegen diese Verbrechen und uns solidarisiert mit den Frauen, deren Leben dadurch zerstört werden.
Ich finde es wichtig, dass möglichst viele Leute davon wissen. Und dabei spielt ja keine Rolle, welche Religion einer hat. Sondern dass wir zusammenhalten: Christen und Muslime. Das gehört für mich dazu, wenn ich Christin bin. Und Mensch.
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»Du wirst geliebt« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 01.04.2019 gesendet.
Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, bekomme ich immer wieder Gespräche von anderen Reisenden mit. Letztens saß mir ein älterer Herr gegenüber und hat telefoniert. Ich weiß nicht, mit wem oder worum es ging in dem Gespräch. Ich hab nur das Ende mitbekommen, aber da bin ich aufmerksam geworden. Der Mann hat gesagt: „Mach et jut, und denk dran, du wirst jeliebt.“
Ich hab überlegt, warum ich bei dem Satz so aufmerksam geworden bin. Ich glaube, weil ich in dem Moment gemerkt hab, dass er das aus tiefstem Herzen und ganz selbstverständlich gesagt hat. Und das liegt nicht nur am Dialekt, sondern an dem, was er gesagt hat. Das hat mich irgendwie berührt, obwohl es ja gar nicht an mich gerichtet war. „Du wirst geliebt.“ Wenn jemand das zu mir sagt, weiß ich ja, dass sich das richtig gut anfühlt. Ich überlege, wie oft ich den Menschen, die mir am Herzen liegen, sage, dass ich sie lieb habe. Oft, denke ich, dass ich jemanden mag, ist doch selbstverständlich und er wird das schon wissen. Natürlich liebe ich meinen Freund, meine Familie und meine Freunde.
Aber sie haben auch dieses gute Gefühl verdient, es gesagt zu bekommen. Deshalb will ich es machen wie der Mann im Zug und ihnen immer wieder sagen, was sie mir bedeuten.
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»Picknick am Bahnhof« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 07.02.2019 gesendet.
Manchmal hab ich so Tage, da läuft einfach alles schief. Letztens zum Beispiel: Da sind mein Freund und ich noch völlig fertig gewesen von ner Party. Wir haben den ganzen Tag lang das Haus seiner Eltern aufgeräumt, in dem wir gefeiert haben. Abends wollten wir dann mit der Bahn nach Hause fahren.
An einem Bahnhof haben wir umsteigen müssen und dann ging´s los: Ein Zug nach dem anderen ist ausgefallen. Wir haben super schweres Gepäck dabei, es ist eiskalt und dunkel und wir stehen an einem Bahnhof, in einer Kleinstadt, die wir nicht kennen, na klasse. Wir sind richtig genervt gewesen, weil wir ja auch noch todmüde waren von der Party am Abend vorher.
Irgendwann hat sich unsere Stimmung aber verändert. Wir konnten die Situation irgendwie mit Humor nehmen. Es gab da ne kleine Bahnhofshalle. Da haben wir einfach unsere Sachen ausgebreitet. Rucksäcke und Jacken auf den Boden. Wir haben uns hingesetzt und zwischen all den wartenden Menschen angefangen, die Essensreste auszupacken, die wir noch dabeihatten. Salzstangen und Dips. Und mein Freund hat sich noch ein Bier gekauft. Picknick im Bahnhof.
Nach Hause gekommen sind wir an dem Tag übrigens nicht mehr. Irgendwann haben wir einen Zug zurückgenommen. Aber auch jetzt im Nachhinein finde ich das gar nicht schlimm. Weil wir bei unserem Picknick eine gute Zeit hatten.
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»Gastgeber sein« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.02.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen haben mein Freund und ich Besuch gehabt. 14 Freunde von uns sind für drei Tage bei uns eingezogen. Alle kennen sich gut und wir sind eine tolle Gemeinschaft. Trotzdem war das ein ganz schöner Aufwand. Wochen vorher haben wir uns überlegt, wo jeder schlafen kann, was wir unternehmen wollen und was es zu Essen geben soll. Wir haben an so vieles denken müssen: Lebensmittelallergien oder verschiedene Interessen. Wir wollten, dass sich jeder wohl fühlt und alle eine schöne Zeit verbringen.
Während unsere Gäste da waren, haben wir viel Zeit damit verbracht, uns um sie zu kümmern. Wir haben für alle gekocht und manchmal haben wir improvisieren müssen. Noch schnell zur Apotheke, weil jemand ein Medikament braucht zum Beispiel.
Das war ganz schön anstrengend. Aber trotzdem ist auch total schön gewesen, Gastgeber zu sein.
Durch all die Planung und Mühe, die wir in die Tage gesteckt haben, haben wir unseren Freunden etwas Gutes tun können. Das hat auch uns Spaß gemacht. Und es ist einfach schön, zu sehen, wie sehr unsere Freunde die Zeit genossen haben. Dafür hat sich der ganze Stress echt gelohnt.
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»Funkstille« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 26.01.2019 gesendet.
In meiner Schulzeit hatte ich eine beste Freundin. Wir haben uns schon seit Jahren gekannt und uns alles erzählt. Wir sind richtig vertraut gewesen. Ich hab damals nicht daran gedacht, dass das mal anders sein könnte.
Aber nach der Schulzeit haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Wir haben uns nicht gestritten oder so. Nur völlig verschiedene Dinge gemacht. Ich bin ins Ausland gegangen und da ist nach und nach der Kontakt weniger geworden. Bis schließlich völlig Funkstille war. So ist es jetzt schon seit ein paar Jahren. Aber ich hab sie trotzdem nicht vergessen können. Ich denk häufig an sie und frage mich, wie es ihr geht und was sie jetzt wohl macht. Ob sie die Ausbildung macht, von der sie immer geträumt hat.
Über ein paar Ecken habe ich eine E-Mail-Adresse von ihr bekommen. Ich hab ganz schön mit mir ringen müssen, ob ich ihr schreibe. Vielleicht sind meine Erwartungen ja zu hoch. Wir haben uns früher so gut verstanden. Was ist, wenn das jetzt nicht mehr so ist? Wenn ich ihr schreibe, gehe ich das Risiko ein, enttäuscht zu werden.
Ich hab ein bisschen Zeit gebraucht bis ich akzeptiert habe, dass es wahrscheinlich nicht wie früher wird und dass das ok ist.
Gestern Abend hab ich mir dann einen Ruck gegeben und ihr geschrieben. Auch wenn es gedauert hat, jetzt kann ich befreit mit der Situation umgehen; egal ob und welche Antwort ich bekomme.
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»Neue Brille« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 25.01.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen habe ich mir eine neue Brille gekauft; ein etwas ausgefalleneres Modell, nicht so schlicht wie meine alte.
Ich bin ein bisschen unsicher gewesen, aber hab mich schließlich getraut. In den ersten Tagen, als ich die neue Brille getragen habe, ist das einigen Leuten aufgefallen. Die Rückmeldungen meiner Freunde und Bekannten sind ganz verschieden gewesen. Vielen gefällt sie gut, aber einige haben mir auch gesagt, dass ihnen meine alte Brille besser gefallen hätte. Das hat mich irgendwie echt getroffen. Weil ich mich selbst am Anfang unsicher gefühlt habe. Ich hab mit diesen Kommentaren schlecht umgehen können. Ich hatte mich ja schon entschieden für die Brille; und mir gefällt sie.
Ich hab gemerkt: Ich bin dankbar für Kritik, die mir hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber ich will mich nicht abhängig machen von der Meinung anderer. Im Endeffekt muss ich mir selbst gefallen und dabei ist es zweitrangig, was andere denken.
Mir hat diese Erfahrung geholfen, mit Kritik generell umzugehen:
Ich unterscheide jetzt zwischen Kritik, die mich nur runterzieht – und die ich nicht zu nah an mich herankommen lassen will - und Kritik, die mich weiterbringt.
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»(Keine) Vorsätze« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 22.01.2019 gesendet.
Die ersten Wochen des Jahres sind vorbei und viele meiner Freunde reden noch über die Vorsätze, die sie sich für 2019 überlegt haben. Fast alle wollen mehr Sport machen, manche weniger Fastfood essen und mehr selbst kochen. Disziplinierter werden und Arbeiten nicht bis zur letzten Minute aufschieben.
Die letzten Jahre habe ich das auch immer so gemacht, aber für dieses Jahr habe ich mir mal keine Vorsätze überlegt. Ja, auch mir würde es guttun, wenn ich mich mehr bewegen würde. Oder wenn ich mir jeden Tag eine halbe Stunde zum Meditieren oder Beten nehmen würde. Aber ganz ehrlich, das hat noch nie funktioniert. Die ersten Wochen bin ich immer ganz euphorisch gewesen, voller Tatendrang. Ich hab gedacht: „Jetzt bekomme ich endlich mal mein Leben auf die Reihe, werde super sportlich und gleichzeitig tiefenentspannt; dieses Jahr wird alles anders.“ Aber irgendwann hab ich immer gemerkt, dass sich mit dem Jahreswechsel eben doch nicht alles ändert. Dass meine Arbeit immer noch genauso stressig ist wie im Jahr davor und ich auch nicht mehr Kraft habe, um abends noch eine Runde laufen zu gehen. Das ist frustrierend gewesen. Und genau deshalb habe ich es dieses Jahr anders gemacht. Ich lasse das mit den guten Vorsätzen und schaue einfach, was das Jahr so bringt. Dann bin ich nicht enttäuscht, dass es wieder nichts geworden ist. Ich freue mich über jede Veränderung, die im Laufe des Jahres passiert, weil es gerade passt und nicht, weil ich sie erzwinge. Vielleicht ist das ja sogar auch ein Vorsatz.
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