»Rituale« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 10.12.2018 gesendet.
Immer das Gleiche. Wenn ich in die Kirche gehe, nervt es mich manchmal, dass die Formen immer die gleichen sind. Alle knien sich gleichzeitig hin, stehen wieder auf. Und immer die gleichen Lieder. Ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Rituale nur abgespult werden, aber nichts mehr bedeuten.
Vor kurzem ist aber ein Freund von mir bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er ist so alt wie ich gewesen. Dass er so plötzlich gestorben ist, hat mich fassungslos gemacht. Ich hab nicht gewusst, wie ich es schaffe, dass ich mit den Gefühlen umgehen kann, die da hochkommen. Ich bin traurig gewesen, aber auch wütend und gleichzeitig habe ich mich an die vielen schönen Momente mit ihm erinnert. Was mir geholfen hat, waren genau die festen Formen. Es hat gutgetan, dass ich nicht überlegen musste, was als Nächstes kommt. Dass alle die Lieder kannten, die wir gesungen haben. Und dass so ein Gefühl von Gemeinschaft entstanden ist. Ich hab mich da mit meinen Gefühlen nicht mehr alleine gefühlt. Ich konnte mich gedanklich fallen lassen, weil ich gespürt habe, dass die Rituale und die Gemeinschaft mich tragen.
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»Mahnmal Rhein« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 01.12.2018 gesendet.
Ich fahre häufig mit der Bahn, wenn ich meine Familie besuchen will. Auf einer tollen Strecke, am Mittelrhein entlang.
Ich liebe es, aus dem Fenster zu schauen und mir die Landschaft anzusehen. Es gibt da wunderschöne Weinberge und viele alte Burgen. Und natürlich den Rhein. Ich beobachte die Schiffe, die darauf fahren.
Aber als ich die letzten Male auf der Strecke unterwegs war, hat alles ganz anders ausgesehen. Wo sonst Wasser geflossen ist, habe ich nur noch braune Erde gesehen. Und es sind kaum noch Schiffe gefahren.
Es hat einfach zu wenig geregnet in diesem Jahr. Deshalb ist der Wasserstand so niedrig, dass kaum noch Schiffe fahren können. Das hat erhebliche Auswirkungen. Die Schiffe können ihre Transportwaren nicht mehr dahin bringen, wo sie gebraucht werden. Die Tankstellen bekommen kein Benzin mehr und die Haushalte kein Heizöl.
Ich finde das erschreckend. Ich weiß, dass es den Klimawandel gibt, aber so direkt habe ich seine Auswirkungen noch nicht gespürt.
Jedes Mal, wenn ich jetzt am Rhein vorbeifahre, bewundere ich nicht nur die Landschaft. Sie ist für mich zugleich ein Mahnmal geworden. Dafür, dass es an uns Menschen liegt. Wenn ich unsere Umwelt weiter genießen will, dann muss ich mehr dafür tun, sie zu schützen.
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»Abschied« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.11.2018 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich auf einer Gedenkfeier gewesen. Ein Freund von mir ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Als ich die Nachricht bekommen habe, ist das ein richtiger Schock gewesen. Von einem auf den anderen Tag ist er nicht mehr da. Er war ein sehr lebensfroher Mensch, immer gut gelaunt. Niemand hatte Zeit, sich darauf vorzubereiten. Das hat es für mich unmöglich gemacht, zu begreifen, dass er tot ist.
Seine Freunde haben die Gedenkfeier für ihn gestaltet. Sie haben vorne ein Bild von ihm hingestellt. Und jeder, der wollte, hat eine Kerze für ihn angezündet und sie dazugestellt. Viele seiner Freunde sind da gewesen und seine Familie. Zusammen haben wir uns an ihn erinnert, uns Geschichten erzählt, die wir mit ihm erlebt haben.
Erst durch diese Feier ist es langsam zu mir durchgedrungen, dass er nicht mehr am Leben ist. Das ist furchtbar traurig. Und gleichzeitig ist es wirklich wichtig. Das gemeinsame Ritual macht es möglich, dass ich Abschied nehmen kann.
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»Missbrauch« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 13.11.2018 gesendet.
Mir fällt es gerade schwer, katholisch zu sein. Katholische Priester haben ihre Rolle als Vertrauenspersonen ausgenutzt und sich an Kindern und Jugendlichen vergriffen, die sich nicht dagegen wehren können. Über Jahrzehnte hinweg und kein Ende in Sicht.
Das ist ein riesiger Skandal und macht mich wütend. Es reicht mir nicht, dass die Kirche um Entschuldigung bittet. Sie muss die Strukturen verändern, die Missbrauch ermöglichen. Wenn sie sich nicht wirklich grundlegend ändert, geht auch das verloren, wofür sie eigentlich steht: Die Botschaft Jesu. Jesus hat sich sein Leben lang dafür eingesetzt, dass die Schwachen geschützt werden vor dem Missbrauch durch Mächtige.
In der Kirche wird diese Botschaft gerade ins Gegenteil verkehrt.
Und das macht mir zu schaffen, weil ich denke, dass unsere Gesellschaft eine Gemeinschaft braucht, die sich um die Schutzlosen und Benachteiligten kümmert und das auch von anderen einfordert. Und ich finde es gut, sich da an die Botschaft Jesu zu halten. Und wenn es darum geht, bin ich auch wieder gerne mit dabei.
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»Inklusion« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 12.11.2018 gesendet.
Vor kurzem war ich in einem Restaurant essen, in dem Menschen mit Handicap arbeiten. Der Kellner, der uns bedient hat, war früher in einer Behindertenwerkstatt. In dem Restaurant kann er jetzt gemeinsam mit Menschen mit und ohne Handicap einen ganz normalen Beruf ausüben. Mir gefällt das. Und er hat richtig Spaß gehabt. Es läuft vielleicht nicht alles so schnell und reibungslos, wie in einem normalen Restaurant, aber ich mag die Atmosphäre dort, weil jeder so sein kann wie er ist. Und alle versuchen, ihr Bestes zu geben.
Mir ist klar, dass Inklusion nicht immer einfach ist. Wenn zum Beispiel Kinder mit und ohne Handicap in eine Schule gehen, dann braucht es genug Lehrer und Betreuer, die dafür sorgen, dass alle mitkommen und gefördert werden.
Ich glaube aber, dass es wichtig ist, sich dieser Herausforderung zu stellen. Ich will jedenfalls in einer Gesellschaft leben, in der niemand ausgeschlossen wird, weil er andere Bedürfnisse hat. Das Restaurant, in dem ich war, ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie das gelingen kann.
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»Friedhof« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 21.10.2018 gesendet.
Manchmal, wenn ich für mich sein will, gehe ich gerne auf einen Friedhof. Ich mag die Atmosphäre dort. Eigentlich ist das ja seltsam; schließlich dreht sich an diesem Ort in erster Linie alles um Tod und Trauer. Trotzdem fühle ich mich dort irgendwie wohl. Ich spüre da einen Frieden, den ich gar nicht genau erklären kann. Ich gehe an den Gräbern vorbei und sehe die Mühe, die sich Menschen damit machen. Das zeigt mir, wie wichtig die Verstorbenen ihrer Familie und ihren Freunden sind. Sie sind tot, aber deswegen noch lange nicht vergessen. In den Herzen ihrer Angehörigen und Freunde leben sie weiter. Der Friedhof hilft mir, Abstand zu gewinnen von den Problemen, die mich beschäftigen. Ich kann mein Leben als Ganzes betrachten, mit allem was gerade schlecht läuft, aber auch allem, was mich glücklich macht.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich auch irgendwann dort liege, relativiert das vieles. Und es lässt anderes wichtiger erscheinen: Die Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden zum Beispiel. Auf dem Friedhof merke ich, dass es diese Beziehungen sind, die Bestand haben. Manchmal bis über den Tod hinaus.
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»Was uns verbindet« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 20.10.2018 gesendet.
Vor ein paar Wochen habe ich mit einer Bekannten gesprochen. Ich muss immer wieder daran denken. Sie hat mir erzählt, dass sie Angst hat vor dem Islam und den Muslimen, die in Deutschland leben. Sie denkt, dass Muslime ganz andere Werte haben als zum Beispiel Christen und wir deshalb nicht zusammenleben können.
Ich selbst habe schon ganz anderes erlebt. Ich habe Muslime kennengelernt und wir haben uns unterhalten über unsere Religionen: Den Islam und das Christentum. Wir haben festgestellt, dass es zwar viele Unterschiede gibt, aber auch einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel, dass beide Religionen ihre Wurzeln auf die Geschichte Abrahams zurückführen. Und es gibt auch bei den grundlegenden Werten viele Ähnlichkeiten. Im Alten Testament heißt es zum Beispiel: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Und vom Propheten Mohammed ist der Satz überliefert „Keiner von Euch hat den Glauben erlangt, solange ihr für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch selbst liebt.“ Das klingt doch wie unser Gebot der Nächstenliebe. Und Die Wohltätigkeit gegenüber Bedürftigen ist eine der fünf Säulen des Islams. Wie bei uns Christen.
Ich glaube, dass es hilft, wenn ich auf diese Gemeinsamkeiten schaue. Und im Gespräch bleibe. Weil ich so auch einen Weg finde, mit den Unterschieden umzugehen. Ohne Angst. Um dann gemeinsam herauszufinden, wie wir miteinander leben wollen.
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»Ein neuer Mensch« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 19.10.2018 gesendet.
Mein Cousin wird Vater. Seine Frau ist seit einigen Monaten schwanger und die ganze Familie freut sich schon auf das Baby.
Wenn ich ein Baby sehe, denke ich immer: Was das für ein Wunder ist! Ein kleiner, neuer Mensch; wie aus dem Nichts.
Mir ist schon klar, dass er nicht wirklich aus dem Nichts entsteht. Biologisch lässt sich das natürlich alles erklären: Eine Eizelle wird befruchtet und durch Zellteilung entsteht in neun Monaten ein Baby.
Aber auch wenn ich es biologisch betrachte, ändert das nichts daran, dass ich sprachlos bin, wenn ich ein Baby im Arm halte. Ich sehe die kleinen Hände und Füße und die großen Augen. Ich denke daran, dass dieses Baby ein ganzes Leben vor sich hat. In diesem Moment bin ich mir sicher, dass es um mehr geht als Zellen und Biologie. Ich denke, dass das Leben an sich ein Wunder ist; nicht zufällig entstanden, sondern dass es genau so wie es ist, von jemandem gewollt ist. Und für mich ist dieser jemand Gott.
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»Einsames Begräbnis« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.10.2018 gesendet.
Vor ein paar Jahren ist mein Opa gestorben. Bei seiner Beerdigung waren viele Menschen: Die Familie natürlich, aber auch alte Freunde und Nachbarn. Es war schön zu sehen, dass er vielen Menschen genauso wichtig war wie mir.
Aber was ist eigentlich, wenn Menschen sterben, die keine Freunde oder Verwandte mehr haben? Weil sie vereinsamt sind oder obdachlos. Den Gedanken, dass niemand zu ihrer Beerdigung kommt und sich an sie erinnert, finde ich beklemmend. Genau deshalb gefällt mir ein Projekt aus den Niederlanden, von dem ich gelesen habe. Es heißt „Das einsame Begräbnis“. Freiwillige sammeln Informationen über das Leben von Menschen, die sonst ganz anonym begraben werden. Sie schreiben ein Gedicht und tragen es bei der Beerdigung vor. Häufig sind sie die einzigen, die überhaupt da sind. Ist das sinnlos, weil sie ja keiner hört? Sie sagen, es geht ihnen um Respekt. Vor dem Leben jedes Menschen; egal wie einsam er gelebt oder welche Stellung er in der Gesellschaft gehabt hat. Jeder verdient es, dass sich jemand an ihn erinnert.
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»Alte Freunde« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.10.2018 gesendet.
Meine Freunde sind mir super wichtig. Trotzdem passiert es mir manchmal, dass ich mich ewig nicht bei ihnen melde. Vor allem, wenn sie weit weg wohnen. Im Alltag habe ich viel zu tun. Da hab ich einfach keine Zeit und Kraft, anzurufen und lange zu reden. Ich verschieb es auf später. Tja und dann ziehen Monate ins Land und ich habe mich immer noch nicht gemeldet.
Letztens hat sich so ein alter Freund bei mir gemeldet. Wir haben ewig nicht telefoniert. Mit ihm zu reden war so schön, dass wir uns sogar spontan verabredet haben. Er ist für ein paar Tage vorbeigekommen und es war wieder wie früher, als wir noch mehr Zeit miteinander verbracht haben.
Ich habe gemerkt, dass er mir wirklich wichtig ist: Es tut mir gut, wenn wir zusammen sind. Ich möchte seine Freundschaft auf keinen Fall verlieren, denn ich weiß: sie macht mein Leben wertvoller.
Wir haben jetzt ausgemacht: Mindestens einmal im Jahr nehmen wir uns ein paar Tage für einander Zeit. Wenn wir es im Alltag nicht schaffen, ständig in Kontakt zu sein, ist das ok, aber dieses eine Mal steht fest. Denn damit uns die Freundschaft erhalten bleibt, müssen wir sie pflegen.
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