»Verstehsch« von Micha   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 16.08.2017 gesendet.
Ich hab meine Steuerklärung erst die Tage abgegeben. Das war ein Act! Manches blick ich da einfach nicht so schnell. Ich glaub, das liegt an der Sprache. Da stehen Wörter, die verwende ich sonst nie. Zum Beispiel „Werbungskosten“. Da musste ich erst mal nachschauen, was das bedeutet. Ich hab mich gefühlt, als ob ich ne Fremdsprache übersetze.
Ich glaub, so ähnlich ging‘s den Menschen früher mit der Bibel. Die hat’s bei uns nämlich bis vor 500 Jahren eigentlich nur auf Latein gegeben. Martin Luther hat das gestört. Er konnte zwar Latein und deshalb hat er verstanden, was in der Bibel steht. Nämlich das, was Gott wichtig ist. Genau deswegen wollte er, dass alle Menschen die Bibel lesen können. Also hat er sie ins Deutsche übersetzt. Und zwar so, dass die Leute es auch verstehen.
Die Idee haben andere Leute richtig gut gefunden. Deswegen haben sie die Bibel auch in andere Sprachen übersetzt. Inzwischen in über sechshundert! Die Bibel ist sogar das am meisten verbreitete Buch der Welt. Es gibt auch mehrere deutsche Übersetzungen. Einfach damit möglichst alle Menschen blicken, was in der Bibel steht. Und wenn ich so in meiner Bibel lese, denke ich: Martin Luther hatte da ne richtig gute Idee.
Vielleicht übersetzt so jemand ja auch mal das Steuererklärungszeug.
»Trauriger Arsch« von Jenni   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.08.2017 gesendet.
Meine Schwester haut oft unglaubliche Sprüche raus. Ich könnte mich dann wegschmeißen. Einfach klasse. Einer, der das auch super konnte, hat vor 500 Jahren gelebt. Martin Luther. Der hat für die Zeit damals die krassen Sprüche rausgehauen. Einer zum Beispiel heißt: „Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz“.
Manche Leute denken, dass es in der Kirche langweilig und prüde zugeht. Ich finde, Martin Luther hat gezeigt, dass das nicht stimmt. Er war nämlich in der Kirche. Hat aber viel mehr gemacht als derbe Sprüche. Martin Luther hat zum Beispiel auch die damalige Kirchenleitung kritisiert. Er hat gesagt, was sich seiner Meinung nach ändern muss. Und wie. Und das war damals nicht normal. Letztlich hat er dann damit erreicht, dass viele umgedacht haben. So ist die evangelische Kirche entstanden. Die hat es vor ihm nicht gegeben.
Mir gefällt es, dass es in der Kirche nicht prüde zugehen muss. Für mich ist Glauben nämlich etwas Fröhliches. Denn mir geht es mit Gott besser. Wenn ich zum Beispiel traurig bin. Dann kann ich Gott erzählen, wie es mir geht. Das tut mir gut. Weil ich weiß, dass er sich für mich interessiert. Dann werd ich wieder fröhlich. Und dann passt auch wieder Luther, denn: „Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz“.
»Kleine Gesten« von Sabine   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 14.08.2017 gesendet.
Gleich geschafft, meine Bahn hält. Jetzt nur noch mit der Masse aussteigen und schnell raus aus dem Bahnhof.
Treppen runter... und da sehe ich ihn wieder, den Mann mit den Zeitungen auf dem Arm. Zeitungen, die Obdachlose gemacht haben. Fast jeden Tag sehe ich ihn. Wer aus dem Bahnhof raus will, muss an ihm vorbei. Der Mann grüßt dann freundlich und wünscht einen guten Tag. Er steht nicht im Weg und nervt auch nicht. Er steht einfach nur da und grüßt.
Trotzdem ignorieren ihn viele. Er grüßt dann immer lauter, mit einer fast schon trotzigen Stimme. So, als würde er nur gerne hören wollen, dass ihm auch jemand einen guten Abend wünscht. Die Leute gehen eher schnell an ihm vorbei.
Kenne ich auch von mir. Auf dem Heimweg will ich nicht unnötig aufgehalten werden. Ich versuch dann auf den Boden oder woanders hinzuschauen und schnell vorbeizukommen.
Mein Plan klappt nicht, seine und meine Augen treffen sich. Ich kann nicht anders und mir rutscht ein einfaches „Hallo!“ raus. Es geht ganz schnell. Ich bleibe nicht stehen, kaufe keine Zeitung, ich gehe einfach an ihm vorbei und grüße ihn. Alles Andere hätte sich in dem Augenblick auch falsch angefühlt. Der Mann strahlt mich an. Es hat mich nichts gekostet.
»Okay, auch wenn ich was verbocke« von Micha   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 14.08.2017 gesendet.
Ich hab mit nem neuen Job angefangen. Am Anfang hab ich da nen Mentor. Der schaut sich an, wie ich meinen Job so mache. Da reden wir dann immer wieder drüber. Manchmal stresst mich das. Er schaut dauernd zu, ob ich alles richtigmache.
Seit ich das erlebt hab, kann ich Martin Luther gut verstehen. Der hat schon vor 500 Jahren gelebt. Und er hatte das Gefühl, dass es mit Gott genauso ist. Also dass Gott immer zuschaut, was er so macht. Und wie er’s macht. Ob richtig oder falsch. Er hatte dann immer Schiss, dass Gott ihn bestraft. Und das hat ihn gestresst, klar.
Irgendwann ist ihm dann in der Bibel was aufgefallen. Er hatte da was falsch verstanden. Er hat nämlich gemerkt, dass Gott gar nicht so ist. Gott achtet zwar schon auf uns Menschen. Aber er will uns nichts reinwürgen. Bei Gott ist man auch okay, wenn man was verbockt hat. Und das hat Luther dann überall erzählt. So ist letztlich die evangelische Kirche entstanden.
Ich bin echt froh, dass mein Mentor auch so ist. Er will mir auch nichts reinwürgen. Das hab ich neulich gemerkt. Da habe ich ne Rede gehalten. Manche Leute haben mich dafür heftig kritisiert. Das hat mich ziemlich runtergezogen. Aber mein Mentor hat trotzdem hinter mir gestanden. Hat mich aufgebaut. Da war mir klar, dass ich für ihn okay bin, auch wenn ich was verbocke. Wie bei Gott auch.