Anna R.
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Sonntag, 26. September 2021
Manchmal führe ich Gespräche mit Freunden oder Bekannten, bei denen ich mich ziemlich unwohl fühle. Oft ist das so, wenn mein Gegenüber eine Meinung vertritt, die ich überhaupt nicht teile. Und leider traue ich mich dann oft nicht, zu widersprechen. Ich hab schon ganze Monologe darüber gehört, dass Frauen ja heute gleichberechtigt sind und wir aufpassen müssen, dass jetzt nicht die Männer unterdrückt werden. Obwohl ich das für totalen Quatsch halte, nicke ich dann manchmal, weil ich eine Bekannte nicht vor den Kopf stoßen will. Ich versuche, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Aber anschließend fühle ich mich richtig mies. Weil ich nicht für meine Überzeugungen eingestanden bin. Vor einiger Zeit habe ich mir vorgenommen, das zu ändern. Denn ich bin ja genauso vor den Kopf gestoßen, wenn ich mir sowas anhören muss. Und eigentlich ist es auch nicht fair, meinem Gegenüber zu verschweigen, wie ich wirklich denke. Für mich hat das auch mit Demokratie zu tun. Ich bin überzeugt: In einer Demokratie muss gestritten werden. Wir alle müssen andere Meinungen aushalten – auch dann, wenn es wehtut. Ich muss aushalten, dass mein Gegenüber keine Feministin ist. Ich kann ihr aber auch meine eigene Meinung zumuten. Nur so haben wir beide die Chance, etwas zu lernen und uns vielleicht irgendwo zu treffen. Seit ich Menschen öfter widerspreche, bin ich überrascht, wie gut das funktioniert. Viele sind erst einmal ganz schön perplex. Aber manchmal ist das der Beginn einer richtig guten Diskussion.
Anna R.
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Samstag, 11. September 2021
Vor kurzem ist Esther Bejarano gestorben. Sie hat als junge Frau den Holocaust überlebt und sich später gegen Rassismus und Antisemitismus eingesetzt – auch, indem sie ihre eigene Geschichte erzählt hat. Als ich von ihrem Tod erfahren habe, hab ich gedacht: Es sind jetzt nur noch ganz wenige. Wenige Überlebende, die noch selbst von dem erzählen können, was ihnen passiert ist. Ich finde es wichtig, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden. Natürlich sind sie festgehalten, in Büchern und Videos. Aber es ist jetzt an uns, ihre Zeugnisse auch wirklich zu lesen, anzuschauen und weiterzuerzählen. Damit auch jede weitere Generation noch weiß, was passiert ist und nie wieder geschehen darf. Damit der Mord an 6 Millionen Jüdinnen und Juden nie in Vergessenheit gerät. Als Esther Bejarano noch gelebt hat, hat sie selbst es so formuliert: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“
Anna R.
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Sonntag, 29. August 2021
Vor ein paar Wochen ist in meiner Familie etwas Furchtbares passiert: Ein Verwandter hatte einen tödlichen Unfall; er war erst 14 Jahre alt. Als ich davon erfahren habe, hat es sich wirklich angefühlt, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Ich hab einfach nicht begreifen können, dass er plötzlich nicht mehr da ist. Er war gerade dabei, erwachsen zu werden und hatte sein ganzes Leben vor sich.
Ich kann mir nichts Sinnloseres vorstellen als diesen Tod. Und ich hab mich gefragt, wo Gott war, als es passiert ist. Wie er es einfach geschehen lassen konnte. Ich finde keine Antwort darauf. Ich weiß nur: Für mich war Gott in diesem Moment nicht da. Denn es gibt nichts, das diesen Tod rechtfertigen könnte. Wenn ein junger Mensch stirbt, dann gibt es daran nichts Gutes. Gott kann und darf das nicht gewollt haben.
In den Tagen nach dem Unfall ist die ganze Familie zusammengekommen. Alle haben versucht, einander Halt zu geben und sich gegenseitig durch die Trauer zu tragen. Gemeinsam teilen wir den Schmerz und die Erinnerung. Wir sind füreinander da. Und darin ist für mich Gott.
Anna R.
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Sonntag, 15. August 2021
Weil ich in den letzten Monaten so viel Zuhause gewesen bin, hab ich mir einige neue Hobbies zugelegt. Ich hab Nähen gelernt, Brot gebacken und mit Käsekulturen veganen Camembert gezüchtet. Es macht mir Spaß, mit meinen eigenen Händen etwas herzustellen. Wenn die ganze Wohnung nach frischem Brot duftet und ich ein selbstgenähtes Kleid in Händen halte, ist das ein gutes Gefühl. Ich bin stolz auf meine Arbeit.
Bei gekauften Produkten ist das oft anders. Ich konsumiere sie einfach, ohne groß darüber nachzudenken. Sie sind für mich ganz selbstverständlich da. Ich will aber auch diese Produkte wertschätzen. Und vor allem die Menschen, die dahinter stehen. Denn nur weil ich etwas nicht selbst gemacht habe, steckt ja nicht weniger Arbeit und Hingabe darin. Klar: Selbst gemacht ist immer irgendwie besonders. Aber wenn ich beim Bäcker im Ort ein Brot kaufe, weiß ich: Er hat heute um 2 Uhr morgens angefangen, zu arbeiten, hat den Teig geknetet und mit jahrelanger Übung die perfekte, goldene Kruste gebacken. Gekauft ist für mich deshalb nicht schlechter als selbstgemacht. Im Gegenteil: Ich bin dankbar für all die Menschen, die mit ihrem Können mein Leben reicher machen.
Anna R.
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Mittwoch, 11. August 2021
Im Moment bekomme ich einfach nichts auf die Reihe. Ich hab so viel zu tun – in der Uni und auf der Arbeit. Und ich merke, dass ich nie ganz bei der Sache bin, ich kann mich nicht konzentrieren und vergesse sogar wichtige Termine. Ich weiß auch, woran das liegt: Vor ein paar Wochen gab es in meiner Familie einen Todesfall, der mich noch immer beschäftigt. Ich hab das noch nicht ganz verarbeitet, aber gleichzeitig läuft mein Leben einfach weiter. Manchmal denk ich: Reiß Dich zusammen. Du kannst Deine Hausarbeit nicht noch länger aufschieben. Und bei Deinem Job solltest Du Dich auch mal wieder einbringen. Aber das funktioniert einfach nicht. Und eigentlich will ich mir auch Zeit nehmen für meine Trauer. Es gibt eine Stelle in der Bibel, die mir dabei hilft. Im Buch Kohelet heißt es: „Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit. Eine Zeit für die Geburt und eine Zeit für das Sterben. […] Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen. Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen.“ Ich weiß, dass auch für mich wieder eine Zeit zum Lachen und Tanzen kommt. Und eine Zeit, in der ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren kann. Aber noch ist es nicht so weit. Und das ist ok.
Anna R.
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Freitag, 30. Juli 2021
Endlich ist Sommer. Die Sonne und das warme Wetter machen einfach gute Laune! Und: Ich konnte endlich meine Sommergarderobe aus dem Keller holen. Statt dicken Pullovern gibt es jetzt bunte Kleider und T-Shirts… dachte ich jedenfalls. Aber als ich vor ein paar Wochen meine Sommerkleider aus dem Keller geholt habe, gab´s die böse Überraschung: Meine Oberteile spannen ziemlich und den Reißverschluss an meinem Lieblingskleid bekomme ich gar nicht mehr zu. Meine gute Laune war da sofort im Eimer. Für mich ist das ein heikles Thema. Denn obwohl ich weiß, wie blöd das ist, hängt mein Selbstwertgefühl doch ziemlich mit meiner Kleidergröße zusammen. Als Größe 36 oft nicht mehr gepasst hat, hab ich das irgendwann verwunden. Aber wenn jetzt selbst die 38 zu klein wird… Ich hab mich auf einen Schlag richtig mies gefühlt. Eigentlich ist das doch verrückt: Vorher hab ich gar nicht gemerkt, dass ich zugenommen habe. Ich hab mich wohlgefühlt, hab einigermaßen gesund gegessen und Sport gemacht, weil ich Lust darauf hatte – ohne Druck. Meinem Körper geht es gut. Und es ist auch ganz normal, dass er sich über die Zeit verändert. Vielleicht pendelt sich mein Gewicht ja wieder ein. Und wenn nicht: so what?! Dann trage ich ab jetzt eben eine 40. Meinen Sommer lasse ich mir davon bestimmt nicht verderben.
Anna R.
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Donnerstag, 15. Juli 2021
Wenn ich nichts für die Uni machen muss, sitze ich seit ein paar Monaten oft an meiner neuen Nähmaschine. Gerade versuche ich, mir damit ein Kleid zu nähen. Ich habe zwar eine Schnittvorlage und ein Youtube-Tutorial, das mir alles Schritt für Schritt erklärt. Trotzdem sind manche Nähte ganz schön schwierig. Und: Fast Fashion, also schnell gemachte Billigware, ist das, was ich da mache, sicher nicht. Es braucht viel Zeit, Geduld und vor allem Konzentration.
Weil ich jetzt selbst nähe, hab ich einen anderen Blick auf die Kleidung in meinem Schrank bekommen. Ich sehe jetzt die komplizierten Nähte und Details, für die ich noch monatelange Übung brauche. Natürlich weiß ich, dass die Menschen, die meine Kleidung genäht haben, Profis sind. Sie bekommen das schneller hin als ich. Ich weiß aber auch, dass viele Teile Fast Fashion sind, also von großen Ketten kommen, die in Billiglohnländern produzieren. Die Arbeiter dort bekommen für jedes Teil nur ein paar Cents und können kaum davon leben. Das finde ich falsch. Auf Kleidung kann ich nicht verzichten, ich trage sie jeden Tag. Und ich will, dass die Menschen, die sie für mich herstellen, dafür einen angemessenen Lohn bekommen. Mir ist es deshalb wichtig, dass ich auf Fast Fashion verzichte. Ich kaufe stattdessen ausgewählte Teile von fairen Marken oder shoppe second hand. Und ich pflege meine Kleider, um sie so lange wie möglich tragen zu können. Weil ich weiß, welche Arbeit darin steckt. Und die verdient Wertschätzung und einen Lohn, von dem man gut leben kann.
Anna R.
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Dienstag, 13. Juli 2021
Mein Freund hat einen Opa, der mehr und mehr dement wird. Früher hat er gestrotzt vor Energie und sich immer am wohlsten gefühlt, wenn viel los war. Aber seit ein paar Monaten baut er richtig ab. Er kann sich kaum noch an etwas erinnern; manchmal nicht einmal an die Menschen um ihn herum. Ich kenne viele Leute, die sagen, dass sie, wenn sie dement würden, nicht weiterleben wollten. Das kann ich verstehen. Demenz ist auch für mich so beängstigend, weil fast mein ganzes Leben aus Kopfarbeit besteht. In der Schule, der Uni und auch in meinem künftigen Beruf geht es fast nur darum, mit dem Kopf zu arbeiten. Also keine körperliche, sondern mehr geistige Arbeit zu leisten. Wer diese Fähigkeit verliert, ist gesellschaftlich schnell außen vor. Ich glaube aber, dass ein Leben mit einer Einschränkung wie Demenz genauso wertvoll ist wie jedes andere. Und auch, dass es lebenswert ist. Für den Opa meines Freundes ist es einerseits gerade richtig schwer. Er weiß ja, was mit ihm passiert und kann es nicht aufhalten. Andererseits gibt es immer noch Momente, in denen er glücklich ist und Spaß hat. Das sind vor allem die Tage, an denen seine Enkel ihn besuchen. Mit ihm spazieren gehen, singen oder „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen. Und ihm einfach durch ihre Gesellschaft ein gutes Gefühl geben. Durch sie bleibt sein Leben so reich und glücklich wie eben möglich.
Anna R.
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Dienstag, 15. Juni 2021
Ich lebe mit meinem Freund zusammen und wir teilen uns die Hausarbeit untereinander auf. Uns ist es wichtig, dass wir beide ungefähr gleich viel machen. Deshalb fand ich einen Zeitungsartikel spannend, den ich vor kurzem gelesen habe. Über sogenannten „Mikrostress“. Damit wurde der Stress bezeichnet, der entsteht, weil man an viele kleine, aber wichtige Details denken muss. In dem Artikel ging es darum, dass in Familien mit Kindern oft Mütter allein die Verantwortung dafür tragen, dass alles rund läuft. Also zum Beispiel an den Arzttermin denken oder daran, dass im Stundenplan Sport steht und der Turnbeutel mitmuss. Eigentlich sind das Kleinigkeiten. Wenn man sie einzeln betrachtet, wirkt es fast lächerlich, dabei von Stress zu reden. Aber wenn sich Paare diese gedankliche Arbeit nicht aufteilen, dann kann es schon stressig werden. Mein Freund und ich haben noch keine Kinder. Aber auch wir müssen ja diese gedankliche Arbeit leisten und an vieles denken. Wir versuchen deshalb, auch diesen Stress fair zu verteilen, indem es klare Zuständigkeiten gibt: Ich kümmere mich zum Beispiel um die Finanzen und den Papierkram. Weil das viel Verantwortung ist, behält er mehrere andere Dinge im Blick: Er sorgt dafür, dass wir keinen Geburtstag vergessen und dass immer frische Wäsche im Schrank liegt. Es ist ok, wenn einer mal mehr macht oder eine Zeit lang den Überblick behalten muss. Aber insgesamt wollen wir, dass es fair bleibt. Das tut uns gut und unserer Beziehung.
Anna R.
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Mittwoch, 05. Mai 2021
Denkt Ihr, dass man vom Aussehen einer Person – von ihrem Alter, ihrer Hautfarbe oder ihrem Körpertyp – auf ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten schließen kann? Vielleicht geht es Euch wie mir und Ihr seid überzeugt, dass das nicht geht. Mir ist es wichtig, dass ich allen Menschen gleich begegne. Klingt simpel – ist es aber nicht. Das hat mir ein Online-Test der Uni Harvard gezeigt. Er heißt: Impliziter Assoziationstest. Mir werden dabei zum Beispiel Bilder von Menschen gezeigt, die verschiedene Hautfarben oder Körpertypen haben. Und es wird getestet, ob ich unbewusst eher positive oder negative Dinge mit ihnen verbinde. Das spannende ist, dass das oft überhaupt nicht mit meiner bewussten Einstellung übereinstimmt. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass die Körperform von Menschen rein gar nichts mit ihrem Charakter zu tun hat, dass sie nichts darüber aussagt, wie intelligent, ja nicht einmal wie sportlich jemand ist. Trotzdem hat der Test ergeben, dass ich dünne gegenüber mehrgewichtigen Menschen stark bevorzuge. Das hat mich wirklich schockiert. Denn genau diese unbewussten Vorurteile wirken sich darauf aus, wie ich mit anderen umgehe. Es kann also sein, dass ich mehrgewichtige Menschen oder Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe unbewusst unfair behandle. Weil ich das nicht will, muss ich mich im Alltag immer wieder hinterfragen: „Warum ist mir diese Person unsympathisch?“ „Warum reagiere ich jetzt ablehnend?“ Nur so kann ich diese Vorurteile durchbrechen und vielleicht wirklich jedem Menschen gerecht werden.