Anna R.
Anhören
Mittwoch, 05. Mai 2021
Denkt Ihr, dass man vom Aussehen einer Person – von ihrem Alter, ihrer Hautfarbe oder ihrem Körpertyp – auf ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten schließen kann? Vielleicht geht es Euch wie mir und Ihr seid überzeugt, dass das nicht geht. Mir ist es wichtig, dass ich allen Menschen gleich begegne. Klingt simpel – ist es aber nicht. Das hat mir ein Online-Test der Uni Harvard gezeigt. Er heißt: Impliziter Assoziationstest. Mir werden dabei zum Beispiel Bilder von Menschen gezeigt, die verschiedene Hautfarben oder Körpertypen haben. Und es wird getestet, ob ich unbewusst eher positive oder negative Dinge mit ihnen verbinde. Das spannende ist, dass das oft überhaupt nicht mit meiner bewussten Einstellung übereinstimmt. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass die Körperform von Menschen rein gar nichts mit ihrem Charakter zu tun hat, dass sie nichts darüber aussagt, wie intelligent, ja nicht einmal wie sportlich jemand ist. Trotzdem hat der Test ergeben, dass ich dünne gegenüber mehrgewichtigen Menschen stark bevorzuge. Das hat mich wirklich schockiert. Denn genau diese unbewussten Vorurteile wirken sich darauf aus, wie ich mit anderen umgehe. Es kann also sein, dass ich mehrgewichtige Menschen oder Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe unbewusst unfair behandle. Weil ich das nicht will, muss ich mich im Alltag immer wieder hinterfragen: „Warum ist mir diese Person unsympathisch?“ „Warum reagiere ich jetzt ablehnend?“ Nur so kann ich diese Vorurteile durchbrechen und vielleicht wirklich jedem Menschen gerecht werden.
Anna R.
Anhören
Dienstag, 04. Mai 2021
Seit 2 Wochen liegt ein großes Puzzle in meinem Wohnzimmer. Über 1000 Teile. Jedes Teil habe ich einzeln in die Hand genommen und genau angeschaut. Ich kenne jedes Detail des großen Bildes. Seit gestern ist es fertig und heute habe ich es wieder kaputt gemacht. Schon schräg oder? Eine richtig sinnlose Beschäftigung. Aber eigentlich ist es genau das, was ich am Puzzlen so mag: Dass es zu nichts gut ist. 
In meiner Ausbildung und bei der Arbeit geht es darum, immer produktiv zu sein. Immer etwas zu leisten, das einen Zweck erfüllt. Und genau diesen Stress mache ich mir oft auch noch in meiner Freizeit. Ich versuche, anspruchsvolle Literatur zu lesen, statt einem Buch, das mich einfach gut unterhält. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich den halben Sonntag über nur meine Lieblingsserie anschaue. Ich mache mir sogar Gedanken, wie ich besonders effektiv entspanne, damit ich anschließend wieder alles geben kann.
Ganz ohne Leistung geht es nicht, das ist mir klar. Ich will ja auch lernen und weiterkommen. Trotzdem glaube ich, dass ich diese Logik auch mal durchbrechen darf. Menschsein ist für mich mehr als Leistung. Dazu gehören auch die Momente, in denen ich mich einfach mal fallen lassen kann und nichts erreichen muss. Für mich ist das Zeit, die ich mit meinem Freund verbringe. Ein Tag an dem ich zum hundertsten Mal Harry Potter lese. Oder an einem Puzzle bastle, nur um es anschließend wieder kaputt zu machen.
Anna R.
Anhören
Samstag, 24. April 2021
Noch ein Jahr – dann sind mein Freund und ich mit dem Studium fertig. Und im Moment haben wir noch keine Ahnung, was danach kommt! Mein Freund ist da tiefenentspannt: „Das lassen wir einfach auf uns zukommen“ sagt er immer. Während ich schon wieder panisch überlege, in welchem Bereich ich einen Job finden könnte. Und ob ich darin wohl gut wäre. Und wie das überhaupt alles laufen soll, wenn wir finanziell auf eigenen Beinen stehen müssen. Manchmal macht mir die Ungewissheit so zu schaffen, dass ich am liebsten schon jetzt einen genauen Plan machen würde. Ich ertappe mich dabei, wie ich es im Kopf ausrechne: „Wenn ich diesen Job bekomme, würde ich so viel verdienen und nach 5 Jahren würde es dann reichen, um…“ Aber ich weiß natürlich, dass es so nicht läuft. Ich kann das alles nicht vorhersehen. Sicher, ein wenig Planung schadet nicht. Und auch wenn mein Freund mit seiner Einstellung bisher ganz gut gefahren ist: ich könnte das nicht. Ein bisschen Gelassenheit kann ich mir aber trotzdem bei ihm abschauen. Wenn mein Plan nicht aufgeht, ist das kein Grund zur Panik. Es gibt ja nicht nur einen Weg für mein weiteres Leben. Und wenn ich mich jetzt für einen Beruf entscheide, heißt das auch nicht, dass ich nie wieder was anderes machen kann. Wäre ja auch ganz schön langweilig, jetzt schon zu entscheiden, was ich in 10 Jahren machen möchte. Ich kann mir selbst und meinen Fähigkeiten vertrauen. Und außerdem bin ich bei all dem nicht auf mich allein gestellt. Ich habe Familie und Freunde, die den Weg mit mir gehen. Und wenn ich mal scheitere, weiß ich: Auf sie kann ich mich verlassen.
Anna R.
Anhören
Freitag, 26. März 2021
Mein Freund hat mir von einer Situation erzählt, die er erlebt hat. Sein Team bei der Arbeit hatte eine Besprechung und eine Frau von außerhalb ist dazugekommen. Gleich zu Anfang hat sie erklärt, dass sie manchmal, wenn ihr jemand widerspricht oder sie sich überfordert fühlt, anfängt zu weinen. Sie kann dann einfach nicht anders. Ihr kommen die Tränen, auch wenn sie weiß, dass es eigentlich keinen wirklichen Grund dazu gibt. Das ist so, seit sie ihr erstes Kind bekommen hat. Sie braucht dann einfach ein paar Minuten, um sich zu beruhigen und alles ist wieder ok. Tatsächlich ist es dann in der Sitzung auch passiert, dass ihr die Tränen kamen. Normalerweise wäre so eine Situation sicher etwas awkward. Alle hätten keine Ahnung, was los ist und wüssten nicht, wie sie reagieren sollen. Vielleicht würden manche sie auch nicht mehr so ernst nehmen. Aber weil sie so offen damit umgegangen ist, war alles cool. Ich finde das total stark. Ich hab mir gedacht: Wenn es mir so gehen würde wie der Frau, hätte ich mich vielleicht zurückgezogen. Ich glaube, ich hätte viel zu viel Angst vor solchen Situationen und würde mir deshalb von vornherein, einen Job suchen, bei dem ich weniger mit Menschen zu tun habe. Aber diese Frau lässt sich davon nicht aufhalten. Und indem sie so offen mit dieser Schwäche umgeht, nimmt sie der Situation ihren Schrecken. Ich finde das super: Die eigenen Schwächen nicht zu verstecken. Ich muss mich nicht für etwas schämen, für das ich nichts kann. Stattdessen kann ich selbstbewusst damit leben.
Anna R.
Anhören
Mittwoch, 24. März 2021
Vor ein paar Wochen habe ich mich auf einen Job beworben. Nur ein kleiner Job, nicht viele Stunden. Als ich die Ausschreibung gelesen hab, dachte ich sofort: Das ist genau mein Ding! Genau meine Themen, das perfekte Team… den muss ich haben!
Tja und dann habe ich eine Absage bekommen. Natürlich weiß ich, dass das passieren kann. So ist es ja immer, wenn man sich irgendwo bewirbt, und sicher werde ich noch viele weitere Absagen im Leben bekommen. Trotzdem hat mich das getroffen. Ich hab mich gefragt, was mit mir nicht stimmt. Formal habe ich alle Qualifikationen erfüllt, also was hat gefehlt? Hab ich zu wenig Erfahrung? Hat ihnen mein Anschreiben nicht gefallen? Vielleicht muss ich noch viel mehr tun und besser werden, um Erfolg zu haben. Aber wie? Reicht es dann überhaupt je für einen anderen Job?
Natürlich ist das alles Quatsch. Ja, vielleicht hat ihnen etwas gefehlt oder nicht gefallen. Aber vielleicht haben sich auch einfach viele Menschen beworben und sie konnten eben nicht alle nehmen. Und selbst wenn sie sich bewusst gegen mich entschieden haben: Das heißt noch lange nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt! Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das eingesehen habe. Ich hab darüber geredet – mit meinem Freund, mit Freunden und mit meiner Familie; das hat geholfen! Sie alle geben mir Rückhalt und helfen mir so, mit Ablehnung umzugehen. Dass sie hinter mir stehen, zeigt mir: Ich bin wertvoll! Unabhängig von beruflichem Erfolg. Indem ich das verinnerliche, kann ich mir auch selbst ein Rückhalt sein. Und fest in mich und meine Fähigkeiten vertrauen.
Anna R.
Anhören
Montag, 22. März 2021
Im Netz bekomme ich mit, dass in letzter Zeit immer mehr über „Catcalling“ diskutiert wird. Mit dem Begriff „Catcalling“ wird verbale sexuelle Belästigung besonders gegenüber Frauen in der Öffentlichkeit bezeichnet. Also zum Beispiel, wenn jemand mir auf der Straße anzügliche Dinge hinterherruft oder mir hinterher pfeift und damit dafür sorgt, dass ich mich unwohl fühle. Es ist nicht strafbar, aber aus eigener Erfahrung weiß ich: Catcalling ist nicht harmlos. Ich erinnere mich an verschiedene Situationen, in denen mir so etwas passiert ist. Als ich zum Beispiel einmal abends in einem fast leeren Zug gefahren bin und sich plötzlich ein Mann zu mir gesetzt und meinen Körper kommentiert hat. Da habe ich gemerkt: Das hat nichts mit dem harmlosen Versuch zu tun, mich kennen zu lernen oder etwas Nettes zu sagen. Er hat es genossen, dass ich mich unwohl fühle. Und ich hab mich entmenschlicht gefühlt. Weil er meinen Körper offensichtlich zum Objekt seiner Phantasien gemacht hat. Ohne dass ich dem zugestimmt habe. Und sogar obwohl ich eindeutig gezeigt habe, dass ich das nicht will.
Ich versuche, solchen Situationen zu entgehen, indem ich zum Beispiel nachts nicht alleine nach Hause gehe. Und wenn es doch passiert, versuche ich, andere Leute miteinzubeziehen. Trotzdem kann das nicht die Lösung sein. Deshalb finde ich es gut, wenn jetzt ein Bewusstsein dafür entsteht, was verbale sexuelle Belästigung anrichtet. Das hat für mich auch mit der Menschenwürde zu tun. Kein Mensch hat es verdient, dass andere so respektlos mit ihm umgehen.
Anna R.
Anhören
Dienstag, 23. Februar 2021
Manche Sprüche kann ich echt nicht mehr hören. „Das ist keine Arbeit für eine Frau.“ ist zum Beispiel so ein Spruch. Ein Bekannter von mir wollte damit vor kurzem ausdrücken, dass Frauen seiner Meinung nach nicht für die Arbeit auf dem Bau geeignet sind. Er hat über seinen eigenen Job auf dem Bau geredet und meint: Das schwere Schuften und Heben, das schaffen Frauen nicht. Die sind eher für sanftere Arbeiten gemacht. So ein Schwachsinn! Ich glaube, dass Frauen alles können. Und das sehe ich auch überall. In einer Doku habe ich eine Zimmerin gesehen. Sie arbeitet wirklich schwer auf dem Bau. Und sie liebt ihre Arbeit. Frauen, die in der Pflege arbeiten, brauchen dort wahnsinnige Kraft, um ihre Patienten bewegen zu können. Frauen machen Hochleistungssport im Gewichtheben oder Kugelstoßen. Und trotzdem sollen sie für bestimmte Arbeiten nicht geeignet sein? Natürlich kann oder will das nicht jede Frau. Aber eben auch nicht jeder Mann. In meinem Bekanntenkreis fallen mir auf Anhieb mehrere Frauen ein, die richtig viel Kraft haben. Und genauso viele Männer, deren Stärken wahrscheinlich woanders liegen.
Deshalb finde ich es albern, in Jobfragen auf das Geschlecht zu schauen. Es geht darum, was mich interessiert und wo meine individuellen Stärken und Talente liegen. Ich hoffe, dass sich Mädchen und Frauen von Sprüchen wie „Das ist nichts für Frauen!“ nicht entmutigen lassen. Und den Weg einschlagen, den sie für richtig halten. Dann ist es hoffentlich in ein paar Jahren auch keine Doku mehr wert, wenn eine Frau auf dem Bau arbeitet. Sondern ganz normal.
Anna R.
Anhören
Montag, 25. Januar 2021
Ich bin vor einiger Zeit mit Freunden abends in eine Bar gegangen. Das war noch vor Corona, also echt schon ne Weile her. Trotzdem geht mir immer noch durch den Kopf, was da passiert ist. Nach einiger Zeit haben sich nämlich noch andere Leute zu uns an den Tisch gesetzt und mit uns geredet. Und eine Frau hat dann plötzlich angefangen, Witze über den Holocaust zu machen. Widerlich. Ich weiß noch, dass ich völlig geschockt war. Ich hab die ganze Zeit gedacht, dass ich was sagen muss. Irgendwie dazwischen gehen und klarstellen, dass solche Sprüche gegen Juden nicht akzeptabel sind. Aber ich hab nichts gesagt. Stattdessen hab ich einfach nach unten auf den Tisch geschaut und gewartet, dass sie aufhört. Seitdem ist mir die Situation nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich bin von mir selbst enttäuscht, weil ich mich nicht getraut habe, was dagegen zu sagen. Und das, obwohl mir dort in der Bar unter all den Menschen nichts hätte passieren können. Ich finde es furchtbar, dass die Frau vielleicht gedacht hat, dass wir alle in Ordnung fanden, was sie von sich gegeben hat.
Ich will aber für Menschen einstehen, die von Antisemitismus, also Hass gegenüber Jüdinnen und Juden, betroffen sind - oder auf andere Weise diskriminiert und angegriffen werden. Natürlich hoffe ich, dass ich nicht noch einmal in so eine Situation gerate. Aber wenn doch, dann will ich anders reagieren. Ich werde noch einmal mit meinen Freunden darüber sprechen, was an dem Abend passiert ist. Dann können wir uns beim nächsten Mal vielleicht mit einem Blick verständigen. Und dann gemeinsam Haltung zeigen.
Anna R.
Anhören
Sonntag, 03. Januar 2021
Neues Jahr, neues Glück. Das höre ich oft. Und ich gehöre auch zu den Menschen, die sich für das neue Jahr meistens gute Vorsätze überlegt haben. Zum Beispiel: Dieses Jahr mache ich aber wirklich mehr Sport. Oder: Dieses Jahr warte ich nicht bis kurz vor der Prüfung, bevor ich mit dem Lernen anfange. Ich werde mich auch öfter bei meiner Familie und meinen Freunden melden. Dieses Jahr wird alles noch ein bisschen besser. Naja und dann ist es oft doch anders gekommen. Deshalb finde ich: Das mit den Vorsätzen und den Erwartungen ist so eine Sache. Es gibt da für mich zwei Seiten. Einerseits mag ich den Gedanken, dass ich nochmal neu anfangen kann. Dass ich mit Beginn des neuen Jahres einen Strich ziehe unter alles, was mir im Jahr davor nicht geglückt ist. All das ist vergangen und jetzt probiere ich es einfach noch einmal. Andererseits frage ich mich, ob ich mir all die guten Vorsätze wirklich zumuten muss. Ob ich in allem immer besser werden muss, damit es ein gutes Jahr wird.
Für mich hat diese Frage auch mit meinem Glauben zu tun. Ich glaube, dass Gott mir immer eine Chance gibt, neu anzufangen. Wenn ich entscheide, dass ich in meinem Leben etwas zum Guten verändern will, ist es dafür nie zu spät. Gleichzeitig glaube ich, dass Gott mich so nimmt, wie ich bin. Dass ich nicht mehr wert bin, wenn ich mehr leiste. Und keine Angst haben muss, nicht genug zu sein. Mit dieser Einstellung kann ich auch gut in dieses neue Jahr starten. Mit guten Vorsätzen. Und gleichzeitig mit Gelassenheit.
Anna R.
Anhören
Freitag, 01. Januar 2021
Silvester verbringe ich normalerweise bei Freunden, die ich sonst nie sehe. Wegen Corona haben wir das dieses Jahr abgesagt. Trotzdem habe ich ein richtig schönes Fest mit meiner Familie verbracht. Wir haben gemütlich zusammengesessen, Raclette gemacht und ein bisschen gefeiert. So stelle ich mir Silvester immer vor: Als Feiertag, den ich mit lieben Menschen verbringe. Nach Silvester höre ich in den Nachrichten dann davon, dass die Feuerwehr ausrücken musste oder dass jemand ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Ich denke dann an die Menschen, die es erst möglich machen, dass ich so unbeschwert feiern kann. An alle, die auf gemütliche Feiertage mit ihren Liebsten verzichten, um einen Job zu machen, der nicht einmal einen Tag ausgesetzt werden darf. Krankenpfleger und Ärztinnen, Feuerwehrleute und Polizistinnen. Sie alle sorgen dafür, dass ich mir auch an Weihnachten und Silvester keine Sorgen machen muss. Weil sie im Notfall ihren Job machen, wenn ich einmal Hilfe brauche. Ich finde das stark. Genau solche Menschen halten unsere Gesellschaft zusammen. Weil wir alle aufeinander angewiesen sind. Sie stecken selbst zurück, um für andere da zu sein. Für mich sind diese Menschen deshalb Helden. Danke dafür!