Sabine
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Donnerstag, 24. Dezember 2020
Heilig Abend ist bei uns in der Familie mit ganz vielen Traditionen gespickt. Das fängt damit an, dass wir den Christbaum erst am Morgen des 24. aufstellen und schmücken. So als Marker, dass jetzt der Advent vorbei ist und Weihnachten beginnt. Und dann wird das Essen zubereitet. Traditionell kommt bei uns an Heilig Abend immer Karpfen mit Kartoffeln und Kraut auf den Tisch. Fisch deshalb, weil der Fisch ein altes Zeichen der Christen ist. Und wenn wir den Tisch decken, dann muss da immer ein Gedeck mehr sein, als Personen da sind. Für den Gast, der vielleicht noch unerwartet auftaucht und der soll sich dann herzlich willkommen fühlen. Und erst wenn wir mit dem Essen fertig sind, dann kümmern wir uns um die Bescherung. So, in Kurzform, läuft unser Heilig Abend ab.
Für mich ist dieses Event mehr als nur ein Familienfest. Es geht nämlich um unser Menschsein und um das, was uns miteinander verbindet. Dass wir füreinander da sind und miteinander teilen, was uns gut tut. Essen, Wärme, Lieder, Freude,… Und, dass wir das auch weitergeben und dafür offen sind, es auch mit anderen zu teilen.
Das ist unsere christliche Tradition, bei der es immer darum geht, dass wir menschlich miteinander umgehen. Und zwar ganz im Sinne Gottes, der an Weihnachten Mensch geworden ist.
Sabine
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Sonntag, 13. Dezember 2020
Einmal hab ich den Fehler gemacht und hab an den Adventswochenenden in einem Kaufhaus gejobbt, bis Heilig Abend. Was ich da erlebt habe, hat mich so traurig gemacht, dass ich mir gesagt habe: Ne so nicht, so will ich das nicht. Ich hab Menschen erlebt, die wie Zombies ins Geschäft stürmen, alles Mögliche einkaufen und als Geschenk verpacken lassen. Ein Vater mit seinen Kindern rechts und links, eine Vase nach der anderen inspizierend: Kinder, was sollen wir Mama schenken? Ein junger Typ mit verzweifeltem Gesichtsausdruck am Schmuckständer: Die Herz- oder die Sternkette? Ich hab ihm das innerliche Ene-mene-Miste-Abzählen angesehen. Und all diese Notgeschenke hab ich dann verpacken dürfen. Mich haben diese Geschenkezombies echt traurig gemacht.
Um selbst nicht so zu werden, habe ich für mich festgehalten: Schenken ja, aber! Ich mag’s Menschen eine Freude zu machen. Ich mach mir gerne Gedanken über sie und schenke ihnen Kleinigkeiten.
Denn inzwischen sind meine Freunde und ich in einem Alter, indem wir uns selbst kaufen können, was wir möchten. Also brauch ich nicht kurz vor Weihnachten ins Kaufhaus gehen. Sondern dann reicht auch eine selbstgestaltete Karte oder etwas selbst Eingekochtes. Und denen, die mir ganz nahe stehen, schenk ich Zeit. Zeit um sie zusammen zu genießen, irgendwo, irgendwie.
Sabine
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Sonntag, 29. November 2020
Es klingelt und meine Nachbarn stehen vor der Tür. Sie haben ein neues Brettspiel und möchten es gern mit uns ausprobieren. Stefan und ich schauen uns an. “Kommt rein, wir schmeißen die Kaffeemaschine an”, sagt er und ich lass die beiden eintreten.
Spontan werfen wir unsere Shopping-Pläne über den Haufen. Weil es sich richtig anfühlt und weil alles andere irgendwie auch warten kann. Die Zeit, die wir jetzt mit unseren Nachbarn zusammen verbringen können, ist einfach wertvoller.
In den nächsten Stunden erzählen wir uns viel, lachen und spielen solange, bis wir hungrig sind. Und weil es grad so schön ist, schmeißen unsere Nachbarn und wir einfach unsere Essenssachen zusammen und kochen gemeinsam was leckeres draus.
Der Besuch ist einfach herrlich ungeplant und deshalb umso schöner. Er ist echt nichts Großes, ich mein hey, wir tragen alle Jogginghosen. Aber er tut einfach gut. Weil wir einfach im hier und jetzt füreinander da sind und weil nichts anderes wichtiger ist. Das sind für mich wahre Sternstunden. Einfach weil wir offen waren, für das was kommt.
Sabine
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Samstag, 28. November 2020
Als ich klein war, war meine Wunschliste für Weihnachten immer lang. Spielsachen, Klamotten und Schuhe – sogar ein Pony hab ich mir gewünscht und möglichst alle informiert: Onkel, Großtante, Mama, Papa - alle sollen doch bitte dem Christkind von meiner Wunschliste erzählen. Und dann habe ich lange gewartet… Und mich riesig gefreut, wenn wenigstens eine Sache unterm Christbaum lag. Ich bin dann immer ganz stolz gewesen, dass das Christkind an mich gedacht hat. Und hab mich wochenlang über den Neuzugang bei meinen Spielsachen gefreut.
Und heute? Wenn ich etwas möchte, dann kaufe ich es mir inzwischen einfach selbst. Da ist nix mit warten.
In diesem Jahr habe ich aber wieder gelernt zu warten und mich auch auf etwas länger zu freuen.
Nicht nur wegen Corona übe ich mich geradezu im Warten – also dem Warten bis alles vorbei ist - sondern auch wegen dem Kind, das in mir heranwächst. Ich warte geduldig und freue mich darauf, wenn mein Kleines endlich soweit ist und auf die Welt kommen will. Es ist wie Warten auf Weihnachten. Warten auf das Fest, an dem sich Gott in einem kleinen Kind zeigt. Warten bis sich ein Herzenswunsch erfüllt.
Seit meiner Kindheit hab ich dieses Warten nicht mehr so extrem wahrgenommen. Und ich merke, Warten ist für mich kostbarer geworden. Denn es gibt Dinge, die sind einfach nicht selbstverständlich, auf die lohnt es sich zu warten und sich dann lange an ihnen zu erfreuen.
Sabine
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Dienstag, 24. November 2020
Der ältere Herr am Telefon erzählt mir ganz aufgebracht: Er wird aus der Kirche austreten! Und ehe ich mich versehe telefonieren wir fast eine Stunde lang. Ich bin im Büro und höre ihm geduldig zu. Nicht weil ich ihn von seinem Vorhaben abbringen will oder nett sein will, sondern weil sich tatsächlich ein schönes Gespräch entwickelt. Und das hätte ich echt nicht gedacht. Denn eigentlich wollte er meinen Chef sprechen. Von dem hat er Sendung gehört und die - ginge ja mal gar nicht. Und jetzt will er aus der Kirche austreten.
Mein Chef ist aber nicht da. Also sage ich ihm das und dass ich es zwar schade finde, wie er sich entschieden hat, aber mal davon ausgehe, dass er sich das gut überlegt hat.
Mich interessiert aber auch, was er denn an der Sendung meines Chefs auszusetzen hat. Und dann nimmt unser Gespräch seinen Lauf. Er erzählt und ich höre zu. Und dann frage ich nach, bringe meine Sicht der Dinge ein und er hört zu, fragt nach. Bringt immer wieder Argumente ein, wird aber auch selbst nachdenklich. Genau wie ich. Und ich merke, wie seine Stimmfarbe von hart und ruppig zu angenehm und freundlich wechselt. Das tut mir gut. Nach einer Stunde muss ich unser Gespräch leider beenden, weil ich noch ein Meeting habe. Er hat Verständnis und bedankt sich. So hätte ihm die Kirche noch nie zugehört. Dennoch ist er sich sicher: Er wird austreten. Ich danke ihm ebenfalls für seine Sicht der Dinge und bin mir sicher: Auch wenn er bald nichts mehr mit Kirche zu tun haben wird, das Gespräch hat uns beiden gut getan.
Sabine
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Sonntag, 15. November 2020
Sag mal geht’s noch? Manchmal benehmen sich Erwachsene wie Kinder. Bei uns in der Straße gibt’s grad ne große Baustelle. Und zwar so groß, dass zeitweise keine Durchfahrt möglich ist. Leider ist die Straße aber eine wichtige Verbindungsstraße. Da ich kein Auto hab, betrifft mich die Baustelle mal abgesehen vom Lärm kaum. Für viele meiner Nachbarn ist sie allerdings ein großes Ärgernis. Deshalb gab‘s dann von der Stadt einen Infonachmittag, um die Anwohner zu informieren und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Und da bin ich hin.
Die Stimmung war allerdings unterirdisch. Meine Nachbarn haben nur ihren Frust abgelassen. Und die Mitarbeiter von der Stadt mussten sich verteidigen, wie vor Gericht. Ein miteinander Reden ist kaum möglich gewesen. Ne ziemlich absurde Situation.
Ich mein, alle wollen sich doch mit dem Auto fortbewegen und dafür muss eben mal die Straße repariert werden. Da muss ich halt als Einzelner mal ein bisschen einstecken, damit es dann später wieder besser wird. Da kann ich doch nicht nur dagegen hauen. Und ja - die Ansichten der Anwohner sind auch wichtig, weil nur so Probleme ans Licht kommen, die durch die Baustelle entstehen. Aber es zählt eben auch, wie man die Probleme auf den Tisch bringt. Und damit diese Baustelle nicht nur eine Frustbaustelle bleibt, macht es doch mehr Sinn, gemeinsam nach ner Lösung suchen. Weil’s eben nicht nur um mich geht, sondern eben auch um andere.
Sabine
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Samstag, 14. November 2020
Eigentlich bin ich nicht so der Fan von Feminismus-Debatten. Und das aus dem Mund einer Frau, ich weiß. Aber ich mag dieses kämpferische und teilweise auch verbissene Hinweisen auf Ungleiches nicht so.
Für mich gibt’s da eher einen anderen Punkt, den ich wichtiger find und der für mich in nem Spruch drin steckt, den ich auf einem Schaufenster entdeckt habe: „Ich bin eine Frau und was ist deine Superkraft?“
Ist doch voll feministisch, denkt ihr jetzt vielleicht. Aber für mich ist da noch was anderes: Der Spruch geht nämlich von einem starken Wesen der Frau aus. Und das finde ich, darf man als Frau gerne mal beherzigen.
In meinen bisherigen Jobs ist mir nämlich aufgefallen, dass sich viele Frauen von sich aus zurücknehmen und gerne mal den Männern die Bühne überlassen. Viele trauen sich gar nicht in einer gemischten Runde etwas zu sagen, weil die Männer stärker oder lauter sind. Ich hab dieses Verhalten auch mal bei mir entdeckt und mir dann aber gesagt: Eigentlich total blöd, dass du nicht traust, zu sagen, was du denkst. Sei nicht so bescheiden, die anderen sind’s doch auch nicht. Und seitdem mach ich das. Frei nach dem Motto: Auch Du hast Superkräfte. Also zeig sie auch!
Sabine
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Freitag, 13. November 2020
Ich schlendere mit einem Freund durch eine Straße. An uns fährt ein Fahrrad vorbei. Plötzlich sagt mein Kumpel: „Das war früher auch mal ein Mann!“ Im ersten Augenblick check ich gar nicht, was er meint. Bis er mir erklärt, dass die Person auf dem Fahrrad wohl früher ein anderes Geschlecht gehabt hat. Ich zuck nur mit den Schultern. Denn ganz ehrlich: Mir ist es egal, welches Geschlecht ne Person hat.
Aber ich weiß, es hat auch andere Zeiten gegeben. Ich hab mich glaub ich früher drei Mal umgedreht, um nochmal zu checken, ist das jetzt ne Frau oder ein Mann? Weil ich es gewohnt war Menschen stereotyp als Mann oder Frau einzuordnen. Beziehungsweise weil’s in der Öffentlichkeit kaum etwas anderes zu sehen gab. Zum Glück hat sich das aber geändert und mehr und mehr Menschen trauen sich, ihr wirkliches „Ich“ zu zeigen.
Ich glaube, Gott hat uns eine sehr schöne, aber gleichzeitig auch sehr schwierige Aufgabe gestellt: Dass wir lernen uns selbst zu lieben!
Und ich mein jetzt nicht sich endlos toll und geil fühlen, sondern viel mehr das Gefühl mit sich zufrieden zu sein. Und das ist ein Weg zu dem auch so Fragen wie „Was ist überhaupt meins?“ oder „Wer bin ich wirklich?“ dazu gehören. Und wenn dann Männer oder Frauen feststellen: Das andere Geschlecht ist eher meins - na umso besser! Hauptsache sie finden zu sich, fühlen sich richtig, so wie sie sind und nehmen sich an.
Sabine
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Mittwoch, 11. November 2020
Knapp zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich geheiratet habe. Kirchlich. Und dafür hatten mein Mann und ich uns bewusst entschieden. Für uns hat nur ein religiöser Rahmen all das bieten können, was uns wichtig ist. Und ich mein jetzt nicht die romantische Hochzeit in Weiß. Darum ging’s uns gar nicht.
Wir wollten einfach den richtigen Rahmen für all das finden, was uns bisher wichtig geworden war. Wofür wir Danke sagen wollten und was wir auch gesegnet haben wollten. Und der richtige Ausdruck dafür war für uns eine kirchliche Trauung.
Wir wollten nicht einfach nur „Ja, ich will“ sagen, sondern uns versprechen füreinander da zu sein. Wir haben eine Kerze angezündet, die uns daran erinnern sollte, dass nach schwierigen Zeiten, auch immer wieder Platz für Lichtmomente ist. Wir haben Wegbegleitern, Freunden und unseren Familien dafür gedankt, dass sie für uns da sind und für sie gebetet. Wir haben auch für die gebetet, denen es nicht so gut geht oder die nicht mehr bei uns sind.
Aber am Wichtigsten ist uns der Segen Gottes gewesen. Mit ihm haben wir bereits eine lange Geschichte. Er kennt uns und deshalb wollten wir ihn auch dabei haben.
Wir haben für uns eine wirklich runde Feier geschaffen und selbst nach zwei Jahren fühlen wir uns immer noch davon getragen.
Sabine
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Montag, 09. November 2020
Bei einer Stadtführung in Esslingen habe ich erfahren, dass es in meiner Stadt reichlich jüdische Geschichte gibt. Wir haben einen jüdischen Friedhof, eine ehemalige Synagoge und Straßennamen, die an bedeutende jüdische Persönlichkeiten erinnern. Und natürlich gibt es auch Orte, die an das schreckliche Schicksal der Juden in Deutschland erinnern.
Zum Beispiel an die sogenannte Reichspogromnacht am 9. November 1938. Also dem Datum, an dem per Anordnung jüdisches Hab und Gut verwüstet worden ist.
Ich bin überrascht und froh, als ich höre, wie das in meiner Stadt war: Der zuständige Amtsleiter, der die Ausschreitungen organisieren sollte, hat wohl nichts davon gehalten. Und erst einmal gar nichts gemacht. Dann hat er irgendwann ein kleines Feuer auf dem Marktplatz machen lassen, damit es nicht heißt, man hätte sich widersetzt. Als er aber gehört hat, dass es Krawalle im jüdischen Kinderheim gibt, ist er sofort hin, um das Ganze eigenhändig zu beenden.
Und das find ich echt stark: Da hat ein Mann eine unmenschliche Anordnung offiziell befolgt, aber bewusst so, dass sie keinen Schaden anrichtet. Und als Andere Schlimmeres anrichten wollen, greift er ein. Weil er es als ein Unding empfindet unschuldigen Kindern, das wenige, was sie überhaupt haben zu zerstören.
Für mich eine wahre Mutmacher-Geschichte: Es gibt immer auch Menschen, die Anstand und Vernunft haben, auch wenn die Zeiten den Blick auf das Richtige vernebeln. Denn am Ende zählt der Mensch und zwar jeder.