»Funkstille« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 26.01.2019 gesendet.
In meiner Schulzeit hatte ich eine beste Freundin. Wir haben uns schon seit Jahren gekannt und uns alles erzählt. Wir sind richtig vertraut gewesen. Ich hab damals nicht daran gedacht, dass das mal anders sein könnte.
Aber nach der Schulzeit haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Wir haben uns nicht gestritten oder so. Nur völlig verschiedene Dinge gemacht. Ich bin ins Ausland gegangen und da ist nach und nach der Kontakt weniger geworden. Bis schließlich völlig Funkstille war. So ist es jetzt schon seit ein paar Jahren. Aber ich hab sie trotzdem nicht vergessen können. Ich denk häufig an sie und frage mich, wie es ihr geht und was sie jetzt wohl macht. Ob sie die Ausbildung macht, von der sie immer geträumt hat.
Über ein paar Ecken habe ich eine E-Mail-Adresse von ihr bekommen. Ich hab ganz schön mit mir ringen müssen, ob ich ihr schreibe. Vielleicht sind meine Erwartungen ja zu hoch. Wir haben uns früher so gut verstanden. Was ist, wenn das jetzt nicht mehr so ist? Wenn ich ihr schreibe, gehe ich das Risiko ein, enttäuscht zu werden.
Ich hab ein bisschen Zeit gebraucht bis ich akzeptiert habe, dass es wahrscheinlich nicht wie früher wird und dass das ok ist.
Gestern Abend hab ich mir dann einen Ruck gegeben und ihr geschrieben. Auch wenn es gedauert hat, jetzt kann ich befreit mit der Situation umgehen; egal ob und welche Antwort ich bekomme.
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»Neue Brille« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 25.01.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen habe ich mir eine neue Brille gekauft; ein etwas ausgefalleneres Modell, nicht so schlicht wie meine alte.
Ich bin ein bisschen unsicher gewesen, aber hab mich schließlich getraut. In den ersten Tagen, als ich die neue Brille getragen habe, ist das einigen Leuten aufgefallen. Die Rückmeldungen meiner Freunde und Bekannten sind ganz verschieden gewesen. Vielen gefällt sie gut, aber einige haben mir auch gesagt, dass ihnen meine alte Brille besser gefallen hätte. Das hat mich irgendwie echt getroffen. Weil ich mich selbst am Anfang unsicher gefühlt habe. Ich hab mit diesen Kommentaren schlecht umgehen können. Ich hatte mich ja schon entschieden für die Brille; und mir gefällt sie.
Ich hab gemerkt: Ich bin dankbar für Kritik, die mir hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber ich will mich nicht abhängig machen von der Meinung anderer. Im Endeffekt muss ich mir selbst gefallen und dabei ist es zweitrangig, was andere denken.
Mir hat diese Erfahrung geholfen, mit Kritik generell umzugehen:
Ich unterscheide jetzt zwischen Kritik, die mich nur runterzieht – und die ich nicht zu nah an mich herankommen lassen will - und Kritik, die mich weiterbringt.
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»(Keine) Vorsätze« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 22.01.2019 gesendet.
Die ersten Wochen des Jahres sind vorbei und viele meiner Freunde reden noch über die Vorsätze, die sie sich für 2019 überlegt haben. Fast alle wollen mehr Sport machen, manche weniger Fastfood essen und mehr selbst kochen. Disziplinierter werden und Arbeiten nicht bis zur letzten Minute aufschieben.
Die letzten Jahre habe ich das auch immer so gemacht, aber für dieses Jahr habe ich mir mal keine Vorsätze überlegt. Ja, auch mir würde es guttun, wenn ich mich mehr bewegen würde. Oder wenn ich mir jeden Tag eine halbe Stunde zum Meditieren oder Beten nehmen würde. Aber ganz ehrlich, das hat noch nie funktioniert. Die ersten Wochen bin ich immer ganz euphorisch gewesen, voller Tatendrang. Ich hab gedacht: „Jetzt bekomme ich endlich mal mein Leben auf die Reihe, werde super sportlich und gleichzeitig tiefenentspannt; dieses Jahr wird alles anders.“ Aber irgendwann hab ich immer gemerkt, dass sich mit dem Jahreswechsel eben doch nicht alles ändert. Dass meine Arbeit immer noch genauso stressig ist wie im Jahr davor und ich auch nicht mehr Kraft habe, um abends noch eine Runde laufen zu gehen. Das ist frustrierend gewesen. Und genau deshalb habe ich es dieses Jahr anders gemacht. Ich lasse das mit den guten Vorsätzen und schaue einfach, was das Jahr so bringt. Dann bin ich nicht enttäuscht, dass es wieder nichts geworden ist. Ich freue mich über jede Veränderung, die im Laufe des Jahres passiert, weil es gerade passt und nicht, weil ich sie erzwinge. Vielleicht ist das ja sogar auch ein Vorsatz.
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»Frauenwahlrecht« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 21.01.2019 gesendet.
Vor etwas mehr als 100 Jahren wurde in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt.
Für mich ist das ja heute eine Selbstverständlichkeit, dass ich wählen kann. Aber woran ich meistens nicht denke, ist, dass das nicht immer so war.
Dass ich heute wählen kann, dafür haben viele Frauen jahrzehntelang gekämpft. Damals haben Männer Frauen nicht zugetraut, dass sie sich politisch einbringen und ihre Interessen vertreten können. Sie sollten sich um den privaten Bereich kümmern; um die Kinder und ihren Ehemann.
Frauen wie Clara Zetkin oder Helene Lange haben sich damit nicht abgefunden. Sie haben sich organisiert und zum Beispiel Zeitschriften gegründet, in denen sie das Wahlrecht für Frauen gefordert haben. Clara Zetkin ist für ihren Einsatz für die Rechte der Frauen sogar verfolgt worden.
Dank dieser Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren ist es für mich heute leichter, wenn ich mich politisch einbringen will.
Ich kann wählen gehen, Mitglied einer Partei werden und ich könnte mich sogar selbst zur Wahl stellen.
Dass Frauen Verfolgungen und Verhaftungen in Kauf genommen haben, zeigt mir immer wieder wie wertvoll mein Recht auf Mitbestimmung ist.
Und es erinnert mich daran, dass ich nicht bequem werden darf, sondern meine politische Stimme nutzen muss.
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»Geschwister« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 11.01.2019 gesendet.
Ich habe einen jüngeren Bruder. Wir sind beide von Zuhause ausgezogen und wohnen jetzt in verschiedenen Bundesländern. Wir interessieren uns für völlig verschiedene Themen. Wir haben verschiedene Hobbys und haben uns beruflich in ganz verschiedene Richtungen orientiert.
Ich hab manchmal schon das Gefühl gehabt, dass wir uns entfremden, keine Gesprächsthemen mehr haben.
Meine Freunde habe ich gefunden, weil wir gemeinsame Interessen teilen. Aber meinen Bruder und mich verbindet etwas anderes. Wir sind als Geschwister zusammen groß geworden; den Großteil meines Lebens habe ich mit ihm verbracht. Aber weil wir jetzt nicht mehr zusammenwohnen, müssen wir uns um den anderen bemühen. Ich liebe meinen Bruder und ich will nicht, dass wir uns aus den Augen verlieren. Und ihm geht das genauso.
Deshalb telefonieren wir jetzt häufiger, schreiben uns, was wir so machen. Ich glaube nämlich, dass es in der Familie wichtig ist, sich für den anderen zu interessieren. Nur so überbrücken wir die Unterschiede. Und die Perspektive meines Bruders ist für mich dazu noch sehr bereichernd. Weil sie eine andere ist als die meiner Freunde. Unsere Beziehung ist so auf ganz andere Weise wieder lebendig.
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»Geschenkt« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 08.01.2019 gesendet.
Als ich letztens mit dem Bus fahren wollte, hab ich erst beim Einsteigen gemerkt, dass ich gar kein Geld dabei hab. Ich hab mir die Fahrkarte nicht leisten können. Echt ne ziemlich blöde Situation. Der nächste Bus ist erst eine Stunde später wieder gefahren und zum Geldautomaten hätte es mir vor nicht mehr gereicht. Da hätte ich meinen Termin verpasst und der war echt wichtig. Ein Mann, der vorne im Bus saß, hat mein Problem irgendwie mitbekommen. Er ist aufgestanden und hat mir das Geld für die Fahrkarte einfach in die Hand gedrückt. Das hat mich total überrascht. Ich hab ihm erklärt, dass ich nicht weiß, wie ich ihm das Geld zurückgeben soll. Ich kenne ihn ja gar nicht. Aber er hat gesagt, dass er das gar nicht will. Er wollte mir einfach nur helfen.
Seine Großzügigkeit hat mir den Tag gerettet. Und ich habe mich nachher gefragt, ob ich das genau so gemacht hätte. Einem Fremden Geld schenken, wenn ich weiß, dass ich es nicht zurückbekomme. Ich weiß aber, dass ich es in Zukunft tun will. Weil ich selbst erfahren habe, was so eine kleine Geste verändern kann.
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»Geburt im Stall« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 25.12.2018 gesendet.
Es stinkt, überall liegen Arbeitsgeräte herum, es ist dreckig und es zieht. Diese Erfahrung hab ich gemacht, als ich vor ein paar Wochen auf einem Bauernhof im Stall gewesen bin. So ist es eben im Stall!
Ich muss da immer wieder dran denken, wenn ich jetzt im Advent die Krippen in den Schaufenstern stehen sehe. Die sehen eigentlich immer ganz einladend aus. Sauber und mit ein paar netten Tieren, in ein warmes, gemütliches Licht getaucht. Und in der Mitte ein lächelndes Jesuskindchen.
Keiner weiß, ob Jesus wirklich in einem Stall geboren worden ist. Aber viel wichtiger finde ich, was die Geschichte von seiner Geburt über ihn aussagen will. Ich glaube, dass es dabei um genau die Erfahrung geht, die ich gemacht habe: Ein Stall ist kein Ort, an dem eine Frau ein Kind zur Welt bringen will. Niemand der eine Wahl hat, würde sich dafür entscheiden. Wenn ich allein schon daran denke, wie unhygienisch das ist. Aber die Bibel erzählt, dass das Leben Jesu in einem Stall anfängt. Für mich heißt das: Gott steht auf der Seite der Menschen, die nicht wählen können, wie sie leben wollen; weil sie arm sind oder unterdrückt werden. Er ist bei den Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen leben müssen.
Ich denk darüber nach, wer diese Menschen heute sind.
Menschen, die ausgebeutet werden von Konzernen oder die Hunger leiden müssen, weil der Klimawandel ihnen die Lebensgrundlage nimmt.
Ich finds wichtig, dass ich an diese Menschen denke. Immer, aber besonders an Weihnachten.
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»Rituale« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 10.12.2018 gesendet.
Immer das Gleiche. Wenn ich in die Kirche gehe, nervt es mich manchmal, dass die Formen immer die gleichen sind. Alle knien sich gleichzeitig hin, stehen wieder auf. Und immer die gleichen Lieder. Ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Rituale nur abgespult werden, aber nichts mehr bedeuten.
Vor kurzem ist aber ein Freund von mir bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er ist so alt wie ich gewesen. Dass er so plötzlich gestorben ist, hat mich fassungslos gemacht. Ich hab nicht gewusst, wie ich es schaffe, dass ich mit den Gefühlen umgehen kann, die da hochkommen. Ich bin traurig gewesen, aber auch wütend und gleichzeitig habe ich mich an die vielen schönen Momente mit ihm erinnert. Was mir geholfen hat, waren genau die festen Formen. Es hat gutgetan, dass ich nicht überlegen musste, was als Nächstes kommt. Dass alle die Lieder kannten, die wir gesungen haben. Und dass so ein Gefühl von Gemeinschaft entstanden ist. Ich hab mich da mit meinen Gefühlen nicht mehr alleine gefühlt. Ich konnte mich gedanklich fallen lassen, weil ich gespürt habe, dass die Rituale und die Gemeinschaft mich tragen.
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»Mahnmal Rhein« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 01.12.2018 gesendet.
Ich fahre häufig mit der Bahn, wenn ich meine Familie besuchen will. Auf einer tollen Strecke, am Mittelrhein entlang.
Ich liebe es, aus dem Fenster zu schauen und mir die Landschaft anzusehen. Es gibt da wunderschöne Weinberge und viele alte Burgen. Und natürlich den Rhein. Ich beobachte die Schiffe, die darauf fahren.
Aber als ich die letzten Male auf der Strecke unterwegs war, hat alles ganz anders ausgesehen. Wo sonst Wasser geflossen ist, habe ich nur noch braune Erde gesehen. Und es sind kaum noch Schiffe gefahren.
Es hat einfach zu wenig geregnet in diesem Jahr. Deshalb ist der Wasserstand so niedrig, dass kaum noch Schiffe fahren können. Das hat erhebliche Auswirkungen. Die Schiffe können ihre Transportwaren nicht mehr dahin bringen, wo sie gebraucht werden. Die Tankstellen bekommen kein Benzin mehr und die Haushalte kein Heizöl.
Ich finde das erschreckend. Ich weiß, dass es den Klimawandel gibt, aber so direkt habe ich seine Auswirkungen noch nicht gespürt.
Jedes Mal, wenn ich jetzt am Rhein vorbeifahre, bewundere ich nicht nur die Landschaft. Sie ist für mich zugleich ein Mahnmal geworden. Dafür, dass es an uns Menschen liegt. Wenn ich unsere Umwelt weiter genießen will, dann muss ich mehr dafür tun, sie zu schützen.
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»Abschied« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.11.2018 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich auf einer Gedenkfeier gewesen. Ein Freund von mir ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Als ich die Nachricht bekommen habe, ist das ein richtiger Schock gewesen. Von einem auf den anderen Tag ist er nicht mehr da. Er war ein sehr lebensfroher Mensch, immer gut gelaunt. Niemand hatte Zeit, sich darauf vorzubereiten. Das hat es für mich unmöglich gemacht, zu begreifen, dass er tot ist.
Seine Freunde haben die Gedenkfeier für ihn gestaltet. Sie haben vorne ein Bild von ihm hingestellt. Und jeder, der wollte, hat eine Kerze für ihn angezündet und sie dazugestellt. Viele seiner Freunde sind da gewesen und seine Familie. Zusammen haben wir uns an ihn erinnert, uns Geschichten erzählt, die wir mit ihm erlebt haben.
Erst durch diese Feier ist es langsam zu mir durchgedrungen, dass er nicht mehr am Leben ist. Das ist furchtbar traurig. Und gleichzeitig ist es wirklich wichtig. Das gemeinsame Ritual macht es möglich, dass ich Abschied nehmen kann.
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