»Friedhof« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 21.10.2018 gesendet.
Manchmal, wenn ich für mich sein will, gehe ich gerne auf einen Friedhof. Ich mag die Atmosphäre dort. Eigentlich ist das ja seltsam; schließlich dreht sich an diesem Ort in erster Linie alles um Tod und Trauer. Trotzdem fühle ich mich dort irgendwie wohl. Ich spüre da einen Frieden, den ich gar nicht genau erklären kann. Ich gehe an den Gräbern vorbei und sehe die Mühe, die sich Menschen damit machen. Das zeigt mir, wie wichtig die Verstorbenen ihrer Familie und ihren Freunden sind. Sie sind tot, aber deswegen noch lange nicht vergessen. In den Herzen ihrer Angehörigen und Freunde leben sie weiter. Der Friedhof hilft mir, Abstand zu gewinnen von den Problemen, die mich beschäftigen. Ich kann mein Leben als Ganzes betrachten, mit allem was gerade schlecht läuft, aber auch allem, was mich glücklich macht.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich auch irgendwann dort liege, relativiert das vieles. Und es lässt anderes wichtiger erscheinen: Die Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden zum Beispiel. Auf dem Friedhof merke ich, dass es diese Beziehungen sind, die Bestand haben. Manchmal bis über den Tod hinaus.
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»Was uns verbindet« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 20.10.2018 gesendet.
Vor ein paar Wochen habe ich mit einer Bekannten gesprochen. Ich muss immer wieder daran denken. Sie hat mir erzählt, dass sie Angst hat vor dem Islam und den Muslimen, die in Deutschland leben. Sie denkt, dass Muslime ganz andere Werte haben als zum Beispiel Christen und wir deshalb nicht zusammenleben können.
Ich selbst habe schon ganz anderes erlebt. Ich habe Muslime kennengelernt und wir haben uns unterhalten über unsere Religionen: Den Islam und das Christentum. Wir haben festgestellt, dass es zwar viele Unterschiede gibt, aber auch einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel, dass beide Religionen ihre Wurzeln auf die Geschichte Abrahams zurückführen. Und es gibt auch bei den grundlegenden Werten viele Ähnlichkeiten. Im Alten Testament heißt es zum Beispiel: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Und vom Propheten Mohammed ist der Satz überliefert „Keiner von Euch hat den Glauben erlangt, solange ihr für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch selbst liebt.“ Das klingt doch wie unser Gebot der Nächstenliebe. Und Die Wohltätigkeit gegenüber Bedürftigen ist eine der fünf Säulen des Islams. Wie bei uns Christen.
Ich glaube, dass es hilft, wenn ich auf diese Gemeinsamkeiten schaue. Und im Gespräch bleibe. Weil ich so auch einen Weg finde, mit den Unterschieden umzugehen. Ohne Angst. Um dann gemeinsam herauszufinden, wie wir miteinander leben wollen.
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»Ein neuer Mensch« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 19.10.2018 gesendet.
Mein Cousin wird Vater. Seine Frau ist seit einigen Monaten schwanger und die ganze Familie freut sich schon auf das Baby.
Wenn ich ein Baby sehe, denke ich immer: Was das für ein Wunder ist! Ein kleiner, neuer Mensch; wie aus dem Nichts.
Mir ist schon klar, dass er nicht wirklich aus dem Nichts entsteht. Biologisch lässt sich das natürlich alles erklären: Eine Eizelle wird befruchtet und durch Zellteilung entsteht in neun Monaten ein Baby.
Aber auch wenn ich es biologisch betrachte, ändert das nichts daran, dass ich sprachlos bin, wenn ich ein Baby im Arm halte. Ich sehe die kleinen Hände und Füße und die großen Augen. Ich denke daran, dass dieses Baby ein ganzes Leben vor sich hat. In diesem Moment bin ich mir sicher, dass es um mehr geht als Zellen und Biologie. Ich denke, dass das Leben an sich ein Wunder ist; nicht zufällig entstanden, sondern dass es genau so wie es ist, von jemandem gewollt ist. Und für mich ist dieser jemand Gott.
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»Einsames Begräbnis« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.10.2018 gesendet.
Vor ein paar Jahren ist mein Opa gestorben. Bei seiner Beerdigung waren viele Menschen: Die Familie natürlich, aber auch alte Freunde und Nachbarn. Es war schön zu sehen, dass er vielen Menschen genauso wichtig war wie mir.
Aber was ist eigentlich, wenn Menschen sterben, die keine Freunde oder Verwandte mehr haben? Weil sie vereinsamt sind oder obdachlos. Den Gedanken, dass niemand zu ihrer Beerdigung kommt und sich an sie erinnert, finde ich beklemmend. Genau deshalb gefällt mir ein Projekt aus den Niederlanden, von dem ich gelesen habe. Es heißt „Das einsame Begräbnis“. Freiwillige sammeln Informationen über das Leben von Menschen, die sonst ganz anonym begraben werden. Sie schreiben ein Gedicht und tragen es bei der Beerdigung vor. Häufig sind sie die einzigen, die überhaupt da sind. Ist das sinnlos, weil sie ja keiner hört? Sie sagen, es geht ihnen um Respekt. Vor dem Leben jedes Menschen; egal wie einsam er gelebt oder welche Stellung er in der Gesellschaft gehabt hat. Jeder verdient es, dass sich jemand an ihn erinnert.
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»Alte Freunde« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.10.2018 gesendet.
Meine Freunde sind mir super wichtig. Trotzdem passiert es mir manchmal, dass ich mich ewig nicht bei ihnen melde. Vor allem, wenn sie weit weg wohnen. Im Alltag habe ich viel zu tun. Da hab ich einfach keine Zeit und Kraft, anzurufen und lange zu reden. Ich verschieb es auf später. Tja und dann ziehen Monate ins Land und ich habe mich immer noch nicht gemeldet.
Letztens hat sich so ein alter Freund bei mir gemeldet. Wir haben ewig nicht telefoniert. Mit ihm zu reden war so schön, dass wir uns sogar spontan verabredet haben. Er ist für ein paar Tage vorbeigekommen und es war wieder wie früher, als wir noch mehr Zeit miteinander verbracht haben.
Ich habe gemerkt, dass er mir wirklich wichtig ist: Es tut mir gut, wenn wir zusammen sind. Ich möchte seine Freundschaft auf keinen Fall verlieren, denn ich weiß: sie macht mein Leben wertvoller.
Wir haben jetzt ausgemacht: Mindestens einmal im Jahr nehmen wir uns ein paar Tage für einander Zeit. Wenn wir es im Alltag nicht schaffen, ständig in Kontakt zu sein, ist das ok, aber dieses eine Mal steht fest. Denn damit uns die Freundschaft erhalten bleibt, müssen wir sie pflegen.
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»Zeit für mich« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 07.10.2018 gesendet.
Ich muss immer wieder an meinen letzten Urlaub denken. Ich war mit zwei Freundinnen verreist. Eine Woche lang waren wir Tag und Nacht zusammen. Das war toll und hat richtig gutgetan.
Aber als ich wieder daheim war, hab ich erstmal einen ganzen Tag in meinem Zimmer verbracht; hab nachgedacht und gelesen, eine Serie geschaut. Sogar meiner Mitbewohnerin bin ich ein bisschen aus dem Weg gegangen. Ich hab mich nur aus meinem Zimmer gestohlen, um mir etwas zu Essen zu machen, weil ich keine Lust hatte, mit jemandem zu reden.
Manchmal habe ich solche Tage, an denen ich einfach nur für mich sein will. Und häufig hab ich deswegen ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, dass ich andere Menschen vor den Kopf stoße, wie meine Mitbewohnerin.
Aber eigentlich ist das Quatsch. Jeden Tag höre ich so vielen Menschen zu. Ab und zu muss ich auch einfach mal mir selbst zuhören. Um herauszufinden, wie es mir geht und was ich brauche, hilft es, mich aus all dem Trubel herauszuziehen und für mich zu sein. Ich denke über alles nach, was in der letzten Zeit passiert ist. Über alles was mir gutgetan hat, aber auch über das, was mich traurig gemacht hat. Manchmal merke ich erst in einem ruhigen Moment, wie sehr mich etwas aufgewühlt hat, über das ich vorher einfach hinweggegangen bin. Es tut mir gut, wenn ich mir Zeit nehme, so etwas für mich zu verarbeiten. Dafür muss ich mich nicht entschuldigen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass ich danach auch wieder für andere da sein kann.
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»Vorurteile« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 24.08.2018 gesendet.
Ich wohne in einer WG. Und das auf dem Dorf. In unserer Straße gibt es kaum Wohngemeinschaften. Stattdessen wohnen viele ältere Leute da und Familien mit Kindern. Einmal im Jahr organisiert jemand ein Straßenfest, zu dem alle eingeladen sind. Auch bei uns lag jetzt schon drei Mal eine Einladung im Briefkasten. Bisher sind wir aber nie hingegangen. Irgendwie hab ich mir nie vorstellen können, dass unsere Nachbarn wirklich wollen, dass wir kommen. Wir sind kaum da und werden auch nur für eine begrenzte Zeit dort wohnen. Außerdem sind wir in einer ganz anderen Phase unseres Lebens. Wir stecken in der Ausbildung und uns interessieren vermutlich ganz andere Themen. Als vor ein paar Wochen wieder eine Einladung im Briefkasten gelegen hat, hat mein Freund mich aber überredet, dass wir hingehen. Und ich war wirklich überrascht: Alle haben uns super herzlich empfangen und sich gefreut, uns endlich mal kennenzulernen. Und auch die Gesprächsthemen sind uns nicht ausgegangen. Es war ein richtig gemütlicher Abend.
Mit meinen Vorurteilen habe ich also völlig danebengelegen. Ich lag nicht nur falsch, sondern ich hätte es auch fast verpasst, all diese netten Menschen kennenzulernen. Damit mir das nicht nochmal passiert, will ich meine Vorurteile öfter hinterfragen: Wenn ich über andere Menschen etwas denke, ohne dass ich sie direkt erlebt habe, dann will ich auf sie zugehen. Und sie persönlich kennenlernen.
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»Transgender« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 12.08.2018 gesendet.
Ich bin eine Frau und ich fühle mich wohl damit. Ich spüre, dass mein Körper zu mir passt. Und seit ich mich erinnern kann, ist das schon immer so gewesen. Einem Freund von mir ist das anders gegangen. Er ist als Mädchen geboren worden. Seine Eltern haben ihm einen weiblichen Namen gegeben und ihn als Mädchen erzogen. Im Laufe seines Lebens hat er aber gemerkt, dass das so nicht passt. Er hat sich eben nicht wohlgefühlt in seinem Körper und mit seinem Namen. Er wollte ein Junge sein und auch so wahrgenommen werden. Dieses Gefühl ist für ihn so existenziell, dass er nicht damit leben kann. Er hat sich entschieden, dass er den Körper will, der zu seiner Identität passt. Auch wenn der Weg dahin wirklich schwierig ist. Er muss Hormone nehmen und sich operieren lassen.
Ich selbst habe ihn noch kennengelernt, bevor er sich seinen neuen Namen gegeben hat. Für mich war es gar nicht schwer, mich an den neuen Namen zu gewöhnen. Und daran, dass er jetzt anders aussieht. Er ist noch derselbe Mensch und ich merke, dass jetzt einfach alles passt.
Und ich glaube, dass Gott es genauso sieht. Gott liebt ja nicht mein Äußeres, sondern die, die ich bin. Meine Person. Und genauso liebt er auch meinen Freund.
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»Greenwashing« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 10.08.2018 gesendet.
Manchmal gehe ich einkaufen, stehe vor den Regalen im Supermarkt und bin einfach überfordert. Ich will nämlich nur Produkte einkaufen, die unter guten Bedingungen hergestellt worden sind. Bei Schokolade achte ich da zum Beispiel auf das Fair-Trade-Siegel, weil ich will, dass die Menschen, die den Kakao für meine Schokolade ernten, genug verdienen. Und bei Obst und Gemüse darauf, dass es aus der Region kommt, weil das besser für die Umwelt ist, als wenn es eingeflogen wird.
Aber vor ein paar Tagen habe ich ein Video über diese Siegel gesehen. Die Filmemacher haben aufgedeckt, dass viele Firmen die Standards dafür gar nicht einhalten. Manchmal gründen sie einfach selber eine Siegelfirma, die sie dann zertifiziert. Das nennt sich Greenwashing. Konzerne geben vor, dass sie umwelt- und menschenfreundlich produzieren, tun aber das Gegenteil. So führen sie mich als Kundin hinters Licht. Ich kann ja gar nicht überblicken, was ein bestimmtes Produkt mit der Umwelt anrichtet oder wer wieviel daran verdient. Vielleicht liegt der Fehler ja schon darin, dass ich mich überhaupt zwischen fairer und unfairer Schokolade entscheiden kann.
In meinem Privatleben kann ich da nicht viel machen. Deshalb habe ich mir vorgenommen, mich politisch zu engagieren. Wenn genug Menschen öffentlich Druck machen, ist die Politik gezwungen zu handeln. Vielleicht können Konzerne so gesetzlich verpflichtet werden, die Versprechen, die sie geben, auch wirklich einzuhalten.
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»Es kommt auf Dich an« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.07.2018 gesendet.
Am Kühlschrank in unserer WG hängt ein Zettel. Darauf steht: „Es kommt auf Dich an, aber es hängt nicht alles von Dir ab.“ Meine Mitbewohnerin hat den Spruch dorthin gehängt. Jeden Morgen wenn ich frühstücke, sehe ich jetzt diesen Satz. „Es kommt auf Dich an, aber es hängt nicht alles von Dir ab.“ Das trifft bei mir einen Nerv: Ich setze mich häufig unter Druck, weil ich das Gefühl habe, dass alles von mir abhängt. Wenn ich zum Beispiel total im Stress bin und mein Chef eine Aufgabe verteilt. Dann willige ich ein, weil ich Angst habe, dass sich sonst niemand darum kümmern kann. Oder wenn es darum geht die Geburtstagsparty für eine Freundin vorzubereiten: Weil ich will, dass sie ein schönes Fest hat, nehme ich lieber alles selbst in die Hand, obwohl ich dafür gar keine Zeit habe. So habe ich immer viel zu viel zu tun und am Ende Schwierigkeiten, allem gerecht zu werden. Der Satz auf unserem Kühlschrank bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück: Es kommt auf mich an, aber es hängt nicht alles von mir ab. Meine Freundin hat auch noch andere Freunde, denen es genauso wichtig ist, dass sie eine schöne Feier hat. Mein Beitrag dazu ist wichtig. Sie freut sich darüber. Aber ich muss nicht alles alleine stemmen, weil es Menschen gibt, denen genau so viel daran liegt. Und auch auf sie kommt es an.
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