»Diskussionskultur« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 17.05.2019 gesendet.
Vor kurzem hab ich eine ziemlich hitzige Diskussion mit einem Freund gehabt. Es ist um das Thema Feminismus gegangen und wir sind dabei völlig verschiedener Ansicht gewesen.
Ich hab gemerkt: Das Thema ist uns beiden persönlich wichtig gewesen und deshalb ist es ganz schön emotional geworden. Keiner von uns beiden ist bereit gewesen, seine Position aufzugeben. Wir haben uns auch am Ende nicht einigen können, sondern sind bei unseren Meinungen geblieben.
Trotzdem kann ich sagen, dass es eine richtig gute Diskussion gewesen ist. Und das liegt vor allem daran, wie wir sie geführt haben. Obwohl wir anderer Meinung gewesen sind, haben wir einander zugehört und uns ausreden lassen. Keiner ist dem anderen ins Wort gefallen. Wir haben versucht, uns in den anderen hinein zu versetzten und seine Position nachzuvollziehen. Und obwohl es emotional geworden ist, haben wir uns keine Vorwürfe oder Beschimpfungen an den Kopf geworfen, sondern versucht, sachlich zu bleiben.
Ich denke heute zwar immer noch, dass ich richtig liege und mein Freund mit seiner Meinung daneben, und vermutlich geht ihm das genauso. Aber weil die Diskussion so gut verlaufen ist, können wir uns trotzdem noch in die Augen schauen und Freunde sein.
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»Schaumschläger-Syndrom« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.05.2019 gesendet.
Manchmal denke ich, dass ich, gar nicht so gut bin, wie die anderen von mir denken. Zum Beispiel wenn ich eine gute Note bekomme. Ich weiß ja, dass ich wirklich viel gelernt habe für die Prüfung. Aber trotzdem ist da so ein schales Gefühl, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe. Vielleicht ist die gute Note nur Glück gewesen und ich habe sie gar nicht verdient. Der Prüfer hat nicht gemerkt, dass ich das Thema nur oberflächlich verstanden habe. Solche Gedanken habe ich dann manchmal.
Vor einiger Zeit habe ich in einer Talkshow eine Wissenschaftlerin gesehen. Sie hat vom sogenannten „Schaumschläger-Syndrom“ erzählt. Viele ihrer Kolleginnen haben genau die Gedanken, die ich mir manchmal mache, auch. Sie sind richtig gute Wissenschaftlerinnen, gebildet und erfolgreich. Und trotzdem haben sie das Gefühl, dass sie ihren Erfolg gar nicht verdient haben, eben dass sie Schaumschlägerinnen sind, die nur gut darin sind, so zu tun als ob.
Ich weiß nicht, woran es liegt, dass Menschen sich selbst und ihre Fähigkeiten klein machen und sich so auch ganz reale Chancen verbauen. Zum Beispiel, wenn sie eine Position angeboten bekommen und sie ablehnen, weil sie denken, dass sie nicht geeignet dafür sind. Aber ich finde es wichtig, dass wir zusammen etwas dagegen tun. Deshalb will ich meinen Freunden Mut machen, wenn sie sich klein fühlen und ihnen sagen, wenn sie etwas richtig gut gemacht haben. Damit sie Vertrauen haben, in sich und ihre Fähigkeiten.
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»Europa« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 29.04.2019 gesendet.
Wenn ich an Europa denke, denke ich an meinen Freund, mit dem ich gerne in den Urlaub fahre. Wir genießen es, mal eben über die Grenze nach Frankreich oder in die Niederlande fahren zu können, ganz unkompliziert und spontan. Fahrradfahren in Amsterdam oder wandern und Flammkuchen essen im Elsass. Da hab ich richtig schöne Erinnerungen dran. Oder im Herbst: Da wollen wir über ein Austauschprogramm ein Semester an einer Uni in Österreich studieren. Wenn ich drüber nachdenke, merke ich bei alldem immer wieder ganz konkret: Europa hat mit mir zu tun. Es betrifft mich, was politisch auf europäischer Ebene passiert.
Für mich bedeutet Europa auch, dass ich friedlich leben kann und geschützt bin vor Krieg. Es bedeutet, dass Menschen und Staaten sich dafür entscheiden, zusammenzuarbeiten, statt gegeneinander.
Das alles ist mir wichtig. Und auch wenn ich nicht mit allem zufrieden bin, was in Europa und der EU so läuft, denke ich, dass es mich betrifft.
Deshalb werde ich wählen gehen, nächsten Monat am 26. Mai.
Weil ich mitentscheiden will, wie wir in Zukunft in Europa zusammenleben.
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»Lebensmittel« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 15.04.2019 gesendet.
Ich hab vor ein paar Wochen ein Praktikum gemacht und dabei bei einer Lebensmittelausgabe geholfen. Da können Bedürftige hinkommen, die nicht genug Geld haben, um sich und ihre Familie zu ernähren. Es sind richtig viele Menschen dort gewesen. Familien mit Kindern, aber auch Senioren, deren Rente einfach nicht reicht, um über den ganzen Monat zu kommen. Und auch Leute in meinem Alter, die aus irgendeinem Grund in Situationen geraten sind, in denen sie auf Hilfe angewiesen sind. Sie alle sind dankbar für die Lebensmittel, die wir ihnen gegeben haben. Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, diese Menschen zu treffen. Wenn ich Lebensmittel einkaufe, muss ich mir selten Gedanken machen, wieviel ich ausgeben darf, um auch die nächsten Wochen auszukommen. Es reicht einfach. Manchmal kaufe ich sogar zu viel und muss etwas wegschmeißen, weil es schlecht wird, bevor ich es essen kann. Ich finde es traurig, dass in Deutschland so viele Menschen nicht genug zu Essen haben, während ich sozusagen im Überfluss lebe. Und ich will Verantwortung übernehmen. Ich will Lebensmittel eben nicht gedankenlos als selbstverständlich hinnehmen, zu viele kaufen und sie am Ende wegschmeißen. Sondern dankbar sein, dass ich immer genug zu essen habe. Denn die Menschen bei der Ausgabe haben mir gezeigt, wie kostbar Lebensmittel sind.
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»Gütergemeinschaft« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 05.04.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich zu Besuch in einem Kloster gewesen. Eine der Schwestern hat mich eingeladen und mir gezeigt, wie sie dort leben.
Als sie vor vielen Jahren dort eingetreten ist, hat sie ein Gelübde abgelegt. Sie hat versprochen, dass sie gehorsam lebt und auf einen Mann verzichtet. Und dass sie keinen persönlichen Besitz hat. Das heißt: alles, was sie vorher besessen hat, hat sie der Klostergemeinschaft geschenkt. Ich finde das ganz schön beeindruckend. Wenn ich mir vorstelle, dass alles, was ich besitze, plötzlich nicht mehr mir gehört, dann macht mir das Angst. Ich hänge ja an meinen Sachen; sie sind mir wichtig. Meine Bücher zum Beispiel oder all die Möbel, mit denen ich mein Zimmer einrichte. Die Schwester hat mir erzählt, dass sie es mit ihrem Besitz machen wie die ersten Christen und das das richtig gut funktioniert. Von denen steht in der Bibel: All die vielen Menschen, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand von ihnen betrachtete etwas von seinem Besitz als persönliches Eigentum; alles, was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Und: Es gab unter ihnen niemand, der Not leiden musste.
Ich glaube zwar nicht, dass das als Lebensentwurf für eine ganze Gesellschaft funktioniert, also im Sinne einer kommunistischen Gesellschaft. Aber ich finde, das Leben der Schwestern zeigt, dass es möglich ist, so zu leben. In einer kleinen Gemeinschaft, in der alle freiwillig dieses Leben gewählt haben. Weil sie überzeugt sind, dass sie durch ihre Besitzlosigkeit nichts verlieren. Sondern dass das Teilen ihr Leben letztlich sogar reicher macht.
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»Schubladen« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.04.2019 gesendet.
Letzte Woche habe ich eine Ausstellung besucht. Sie heißt „Schubladen“. Ausgestellt sind da aber keine Schubladen, sondern Portraits von ganz verschiedenen Menschen. Als Besucher geht man mit einem Formular durch die Ausstellung und kann für jeden fotografierten Menschen zwischen vier Zuordnungen – oder eben gedanklichen „Schubladen“ – wählen, die unter dem Bild stehen. Zum Beispiel hätte unter dem Bild von einem Mann, stehen können: a) Professor für Geschichte b) Schreiner c) Künstler oder d) arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Natürlich ist nur jeweils eine Zuordnung richtig.
Ich bin mit einem der Formulare durch die Ausstellung gegangen und hab gedacht: Naja, mit ein bisschen Menschenkenntnis bekomme ich das schon hin. Aber da habe ich mich wirklich getäuscht. Ich hab da zwar völlig verschiedene Zuordnungen gelesen, wie dass eine Frau entweder Top-Anwältin ist oder eine psychische Beeinträchtigung hat. Aber als ich in die Gesichter geschaut habe, hab ich gedacht: Es könnte alles sein. Und auch dort, wo ich mir vermeintlich sicher gewesen bin, habe ich meistens komplett daneben gelegen.
Diesen Gedanken der Ausstellung – zu zeigen, dass ich mit meinen Einschätzungen von Menschen häufig falsch liege – finde ich auch für meinen Alltag wichtig. Wahrscheinlich ist es normal, dass ich in Schubladen denke. Das ist menschlich und ohne Schubladen wäre ich überhaupt nicht in der Lage irgendetwas einzuordnen. Aber ich muss mir immer bewusst sein, dass ich wohlmöglich falsch liege und die Schubladen offenhalten.
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»Für den Frieden« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 02.04.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen bin ich bei einem Gottesdienst gewesen, bei dem sich christliche und muslimische Frauen in einer Moschee getroffen haben. Wir haben gemeinsam für den Frieden gebetet. Dabei haben die Frauen von etwas erzählt, das mir bis dahin gar nicht wirklich bewusst gewesen ist. Dass in den Kriegen dieser Welt Frauen systematisch vergewaltigt werden – als Kriegswaffe. Die Männer, die sie vergewaltigen, zerstören das Leben dieser Frauen und Mädchen. Die Frauen haben hinterher massive Probleme in ihren sozialen Beziehungen und Familien.
Und genau das wollen die Anführer erreichen. Dass Familien zerbrechen und die Menschen in einer Gesellschaft nicht mehr zusammenhalten; vor allem in Ländern, in denen die Leute eine Frau, die vergewaltigt wurde, auch noch ächten. Das ist so perfide und grausam, dass ich es mir kaum vorstellen kann, aber es passiert.
Als christliche und muslimische Frauen haben wir bei dem Friedensgebet gemeinsam ein Zeichen gesetzt gegen diese Verbrechen und uns solidarisiert mit den Frauen, deren Leben dadurch zerstört werden.
Ich finde es wichtig, dass möglichst viele Leute davon wissen. Und dabei spielt ja keine Rolle, welche Religion einer hat. Sondern dass wir zusammenhalten: Christen und Muslime. Das gehört für mich dazu, wenn ich Christin bin. Und Mensch.
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»Du wirst geliebt« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 01.04.2019 gesendet.
Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, bekomme ich immer wieder Gespräche von anderen Reisenden mit. Letztens saß mir ein älterer Herr gegenüber und hat telefoniert. Ich weiß nicht, mit wem oder worum es ging in dem Gespräch. Ich hab nur das Ende mitbekommen, aber da bin ich aufmerksam geworden. Der Mann hat gesagt: „Mach et jut, und denk dran, du wirst jeliebt.“
Ich hab überlegt, warum ich bei dem Satz so aufmerksam geworden bin. Ich glaube, weil ich in dem Moment gemerkt hab, dass er das aus tiefstem Herzen und ganz selbstverständlich gesagt hat. Und das liegt nicht nur am Dialekt, sondern an dem, was er gesagt hat. Das hat mich irgendwie berührt, obwohl es ja gar nicht an mich gerichtet war. „Du wirst geliebt.“ Wenn jemand das zu mir sagt, weiß ich ja, dass sich das richtig gut anfühlt. Ich überlege, wie oft ich den Menschen, die mir am Herzen liegen, sage, dass ich sie lieb habe. Oft, denke ich, dass ich jemanden mag, ist doch selbstverständlich und er wird das schon wissen. Natürlich liebe ich meinen Freund, meine Familie und meine Freunde.
Aber sie haben auch dieses gute Gefühl verdient, es gesagt zu bekommen. Deshalb will ich es machen wie der Mann im Zug und ihnen immer wieder sagen, was sie mir bedeuten.
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»Picknick am Bahnhof« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 07.02.2019 gesendet.
Manchmal hab ich so Tage, da läuft einfach alles schief. Letztens zum Beispiel: Da sind mein Freund und ich noch völlig fertig gewesen von ner Party. Wir haben den ganzen Tag lang das Haus seiner Eltern aufgeräumt, in dem wir gefeiert haben. Abends wollten wir dann mit der Bahn nach Hause fahren.
An einem Bahnhof haben wir umsteigen müssen und dann ging´s los: Ein Zug nach dem anderen ist ausgefallen. Wir haben super schweres Gepäck dabei, es ist eiskalt und dunkel und wir stehen an einem Bahnhof, in einer Kleinstadt, die wir nicht kennen, na klasse. Wir sind richtig genervt gewesen, weil wir ja auch noch todmüde waren von der Party am Abend vorher.
Irgendwann hat sich unsere Stimmung aber verändert. Wir konnten die Situation irgendwie mit Humor nehmen. Es gab da ne kleine Bahnhofshalle. Da haben wir einfach unsere Sachen ausgebreitet. Rucksäcke und Jacken auf den Boden. Wir haben uns hingesetzt und zwischen all den wartenden Menschen angefangen, die Essensreste auszupacken, die wir noch dabeihatten. Salzstangen und Dips. Und mein Freund hat sich noch ein Bier gekauft. Picknick im Bahnhof.
Nach Hause gekommen sind wir an dem Tag übrigens nicht mehr. Irgendwann haben wir einen Zug zurückgenommen. Aber auch jetzt im Nachhinein finde ich das gar nicht schlimm. Weil wir bei unserem Picknick eine gute Zeit hatten.
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»Gastgeber sein« von Anna R.   Drucken Einzelansicht
Beitrag wurde am 04.02.2019 gesendet.
Vor ein paar Wochen haben mein Freund und ich Besuch gehabt. 14 Freunde von uns sind für drei Tage bei uns eingezogen. Alle kennen sich gut und wir sind eine tolle Gemeinschaft. Trotzdem war das ein ganz schöner Aufwand. Wochen vorher haben wir uns überlegt, wo jeder schlafen kann, was wir unternehmen wollen und was es zu Essen geben soll. Wir haben an so vieles denken müssen: Lebensmittelallergien oder verschiedene Interessen. Wir wollten, dass sich jeder wohl fühlt und alle eine schöne Zeit verbringen.
Während unsere Gäste da waren, haben wir viel Zeit damit verbracht, uns um sie zu kümmern. Wir haben für alle gekocht und manchmal haben wir improvisieren müssen. Noch schnell zur Apotheke, weil jemand ein Medikament braucht zum Beispiel.
Das war ganz schön anstrengend. Aber trotzdem ist auch total schön gewesen, Gastgeber zu sein.
Durch all die Planung und Mühe, die wir in die Tage gesteckt haben, haben wir unseren Freunden etwas Gutes tun können. Das hat auch uns Spaß gemacht. Und es ist einfach schön, zu sehen, wie sehr unsere Freunde die Zeit genossen haben. Dafür hat sich der ganze Stress echt gelohnt.
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