Die Nichte meiner Freundin ist jetzt etwas über ein halbes Jahr alt. Ich finde die Kleine echt faszinierend, obwohl sie außer essen, schlafen und schreien noch nicht viel kann. Aber was um sie herum passiert, beobachtet sie mittlerweile schon sehr genau. Das hilft auch, wenn sie manchmal unruhig ist. Ihre Eltern setzen sich dann mit ihr ans Fenster und schauen in den Garten. Besonders gerne macht sie das, wenn es schneit. Dann schaut sie ganz gespannt den Schneeflocken zu und ist total fasziniert. Ich sehe ihr an, dass da etwas wahnsinnig Tolles passieren muss. Mit offenem Mund beobachtet sie jede Schneeflocke, wie sie zur Erde fällt. Dabei ist sie so vertieft, dass sie kaum ansprechbar ist.
Anscheinend kann sie etwas sehen, was ich nicht sehen kann. Für mich sind Schneeflocken eben Schneeflocken, Regen, wenn es kalt ist. Aber ein bisschen neidisch bin ich schon. Und ich frage mich, wann mir diese Fähigkeit abhanden gekommen ist: Etwas Alltägliches in Ruhe zu beobachten und mich davon faszinieren zu lassen. Ich will das aber wieder üben. Ich kann zum Beispiel auf den Balkon sitzen, den Wolken nachschauen und staunen, wie sie über den Himmel ziehen. So kann ich alles um mich herum vergessen und einfach da sein.

 

 

Quelle: http://www.kreuzquer.info/?id=3785